Caro liest laut: Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion - Vergiss Mein Nie

Caro liest laut: Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion

Das Buch: Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion

Trauer-Topic: Tod des Ehemanns, Magisches Denken, das erste Trauerjahr 

Trauer-Barometer: 4/5 

Dieses Buch wird überall empfohlen – so sehr, dass ich mit einer gewissen Ehrfurcht und vielleicht auch mit zu hohen Erwartungen hineingegangen bin. Doch auch wenn es mich nicht so überwältigt hat, wie ich anhand des kollektiven Lobgesangs erwartet hätte, ist „Das Jahr magischen Denkens”* ganz sicher ein lesenswertes Buch.

Denn Joan Didion verschafft uns einen Zugang zur Trauer, der selten so ungeschönt, so analytisch und gleichzeitig so verletzlich erzählt wird. Ein Buch, das bleibt. Nur vielleicht anders, als man es vorher glaubt. 

 

Trauer nach dem Tod des Ehemanns: Ein Zustand ohne Umrisse

Wenn Joan Didion über Trauer schreibt, dann ist es, als würden wir mit ihr einen Raum betreten, der keine verlässlichen Umrisse hat, sondern sich mit jeder neuen Seite verformt. In „Das Jahr magischen Denkens”* bleibt nichts wie es war, auf wirklich nichts kann man sich verlassen. Ja, genau diese Gefühle beschreibt die Autorin uns, während sie sich dem Leben ohne ihren Ehemann John nach seinem Tod stellen muss, sie aber immer wieder damit ringt, genau diesen Umstand an sich heranzulassen. Ihn zu begreifen und zu verstehen. 

“Mein Vater war tot, meine Mutter war tot, ich mußte eine Weile auf Minen achtgeben, aber ich stand morgens immer noch auf und brachte die Wäsche weg. (...) Leid ist anders. Leid kennt keinen Abstand. Leid kommt in Wellen, in Anfällen, in plötzlichen Befürchtungen, die die Knie weich machen und die Augen blind und den Alltag auslöschen.” (S. 33) 

 

Trauer als alles durchdringender Zustand

Die Trauer füllt das Buch von vorne bis hinten. Es ist schmerzhaft, Joan Didion dabei zu begleiten, wie sie anhand ihrer Worte versucht zu begreifen, was die Trauer mit ihr macht – mit der erstaunlichen Fähigkeit, sich mittendrin immer wieder in die Vogelperspektive zu begeben.  

Sie nimmt alles auseinander, was ihr in die Finger kommt. Erinnerungen, Gedankenschleifen, medizinische Fakten, alltägliche Routinen werden bis ins Kleinste auf Seiten gebracht – um vielleicht etwas zu finden, wonach sie greifen kann, was ihr Halt verspricht. Dabei scheitert sie immer wieder an ihrer eigenen Analyse, an sich selbst. Als würde sie durch ein Tal voller Geröll wandern und immer wieder auf Fragen abrutschen, die sich nicht beantworten lassen, in unsortierten Gedanken umherwandern und versuchen, Haltepunkte zu finden. 

 

Klarheit und Kontrollverlust im ersten Trauerjahr

Aus meiner Sicht ist es diese Mischung aus Klarheit und Kontrollverlust, die das Buch lesenswert macht. Es ist, als würde Joan Didion sich selbst beim Denken erkunden und beobachten, wie sie immer wieder an den gleichen Stellen auseinanderbricht – in dem verzweifelten Versuch, die Realität aufzuhalten.  

“Ich glaubte nicht an die Auferstehung von den Toten, aber ich glaubte immer noch, John würde unter den richtigen Umständen zurückkommen.” (S. 168) 

Dieser Satz ist so schlicht, so entwaffnend, dass er kaum loslässt. Und dann dieser andere, der so tief sitzt, weil er den Kontrollverlust benennt, mit dem so viele Trauernde lange ringen. Die bloße Erkenntnis, dass man nichts tun konnte. Und nichts hätte tun können: 

“Ich glaubte nicht nur nicht, daß es “Pech” war, was John getötet und Quintana gehabt hatte. Ich glaubte sogar genau das Gegenteil: Ich glaubte, ich hätte in der Lage sein müssen zu verhindern, was immer passiert war.” (S. 194) 

 

Warum „Das Jahr des magischen Denkens“ ein besonderes Trauerbuch ist

Genau darin liegt die Stärke dieses Buches: Didion zeigt nicht nur, dass Trauer wehtut – sie zeigt wie. Und zwar so, dass man – so irrational verworren ihre Gedankengänge manchmal erscheinen mögen – tatsächlich eine Idee bekommen kann, was Trauer tut. Wie sie klammert, wie alles entgleitet, wie sie enorm große Gedanken formuliert und gleichzeitig jeden davon sabotiert. Wie sie das Leben weiterlaufen lässt, während innerlich alles brennt.  

Wie ein Mensch versucht, eine neue Realität anzuerkennen, die er nicht akzeptieren will. 

Das Jahr des magischen Denkens vermisst den großen Verlust des Menschen, mit dem Joan Didion einen so großen Teil ihres Lebens verbracht hat in Maßeinheiten, die jenseits der Norm sind. Und wenn es ein Buch gibt, das in der Verworrenheit des Zustands Trauer gleichzeitig besonders klarsichtig ist, dann ist es dieses hier. 

 

Hier findest du "Trauer ist das GlĂĽck, geliebt zu haben" von Chimamanda Ngozi Adichie bei Thalia.*

 

 

 

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Carolin Junge 

Caro ist ein kreatives Mastermind mit ganz viel Herz, das ganz besonders laut für Bücher schlägt. Da kommen mal locker 50 gelesene Bücher im Jahr zusammen – nur noch getoppt vom Stapel ungelesener Bücher, der einfach nicht aufhören will zu wachsen. Mit ihrem Unternehmen oh boy! und als Fachbuch-Autorin hat sie sich im Branding & Storytelling einen Namen gemacht. Als ausgebildete Trauerbegleiterin (VMN) hat sie außerdem das Büro Ciao gegründet, einen Creative Space in Sachen Trauer. Damit bringt sie frischen Wind und mehr Awareness in die staubtrockene Trauerkultur. Mit ganz neuen, kreativen Trauerprojekten holt sie das Tabu-Thema unter dem viel zu hohen Teppich hervor (Stay tuned!) und bringt Menschen dort mit Tod und Trauer in Berührung, wo es auf den ersten Blick "eigentlich gar nicht hingehört".

     

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