Caro liest laut: The Comfort Book von Matt Haig - Vergiss Mein Nie

Caro liest laut: The Comfort Book von Matt Haig

Das Buch: The Comfort Book von Matt Haig

Trauer-Topic: Gedanken, die Hoffnung machen (können)

Trauer-Barometer: 2/5 

 

The Comfort Book ist so anders als andere Bücher, dass ich es unbedingt hier vorstellen wollte. Es ist keine Geschichte. Keine Biografie. Kein Sachbuch. Kein Ratgeber. Und doch ist es von allem ein bisschen. Weil der Autor Matt Haig, der selbst mit Depressionen und Suizidgedanken kämpfte, zusammenträgt, welche Gedanken ihm an den Tagen seines Lebens, für die rabenschwarz noch kein Ausdruck ist, Hoffnung mach(t)en. Und ich bin mir sicher, dass bei jeder und jedem von uns ein paar der Gedanken ihre ganz eigene Wirkung entfalten können. 

Matt Haig sammelt in diesem Buch ganz viele unterschiedliche Gedanken, die ihn in schweren Zeiten trösteten. Dabei verspricht er kein Allheilmittel – und darüber bin ich unwahrscheinlich froh. Nichts fände ich schlimmer zu lesen, als eine Liste mit den “Top 10 Things To Do To…”. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ganz bewusst spricht der Autor aus seiner Position, zeichnet jeden einzelnen Gedanken aus seiner Perspektive. Es sind Dinge, die er selbst als tröstend empfand. In verschiedenen Phasen, in kaum auszuhaltenden, in den schlimmsten Momenten.  

 

“So, these are some of my life rafts. The thoughts that have kept me afloat. I hope some of them might carry you to dry land too.” (S. vii”) 

 

Worum geht es in The Comfort Book? Gedanken, die in dunklen Zeiten tragen

Natürlich heißt das noch lange nicht, dass Hoffnung für alle in den gleichen Gedanken liegt. Ich bin ziemlich sicher, dass das nicht so ist. Aber so empfinde ich das Buch auch auf keiner einzigen Seite. Eher fühlt es sich von vorne bis hinten wie ein warmes Stück Apfelkuchen mit dampfend heißer Schokolade im kleinen Lieblingscafé an – an der Seite dieses einen vertrauten Freundes. Der Freund, der sich zeigt, und damit Wärme und Empathie ausstrahlt. Der da ist und nichts erwartet. Aber bereit ist alles zu geben. Das Buch ist ein Angebot. Ein warmes, offenherziges Geben. Ohne den Anspruch, dass davon auch etwas genommen wird. 

 

“This book is as messy as life. (...) You can read it how you want. You can start at the beginning and end at the end, or you can start at the end and end at the beginning, or you can just dip into it.” (S. ix) 

 

Wie liest man The Comfort Book? Zum Reinspringen, Blättern, Wiederkommen

Und dieses Angebot ist vielfältig. Es ist ein Angebot voller liebevoll geschriebener Texte. (Ich würde sagen: Matt Haig halt.) Doch neben vielen einzelnen Gedanken finden sich auch “Songs that comfort me – a playlist” (S. 20f.), “Ten books that helped my mind” (S. 31), Aufzählungen (S. 54) oder Rezepte (S. 80). In vielen, vielen Seiten ist es genau die Einfachheit der Dinge, die mich berührt. Aus diesen vielen klugen Zeilen auf 253 Seiten lese ich, dass jemand genau weiß wovon er da spricht.  

Oft sind es kleine Sätze, die mich umhauen. Übersichtliche Fragmente, unscheinbar auf den ersten Blick. Es sind Gedanken, die nicht weit ausufern. Denkweisen, die man in diesem dichten Wald vor lauter schwer behangener Bäumen trotzdem nicht finden kann. Bis jemand kommt, das dichte Blätterdach zur Seite schiebt und sagt: Schau doch mal hier hin. Dann sieht man sie plötzlich scharf vor sich und sie können ihre volle Wucht entfalten, wenn sie im Hirn und im Herz mal angekommen sind.  

 

“It’s okay to be broken.  

It’s okay to wear the scars of experience.  

It’s okay to be a mess.  

(...) 

It’s okay.” (S. 10) 

 

Trost in der Trauer: Gesehenwerden, Validierung, „Es ist okay“

Diese Sätze klingen für manche vielleicht banal. Und doch können sie alles verändern. Wenn man sie in diesem Buch liest. Wenn man sie von jemandem hört. Meine Erfahrung mit Trauernden zeigt mir genau das immer wieder: Es ist meistens nicht die große fancy Methode, das rare Expertenwissen, das die Menschen wirklich berührt. Oft ist es Gesehenwerden. Validierung der Gefühle. Es ist okay. Ich bin okay, so wie ich gerade in meiner Trauer bin. Nicht selten kann ich diesen Stein in solch einem Moment der Erkenntnis förmlich fallen hören. Wortwörtlich eine Erleichterung von ganz viel grauer, hart gewordener Masse, die sich aus den Gedanken formt, dass das ja nicht normal sein kann, wie man sich in der Trauer gerade benimmt. Doch. Es ist okay. 

 

“We are not what we experience. If we stand in a hurricane, it doesn’t matter how violent or terrifying the hurricane is, we always know that the hurricane is not us. The weather outside and inside us is never permanent. People talk about dark clouds; we are the sky. We just contain them. These clouds are just the present view. The sky stays the sky.” (S. 186) 

 

Fazit: Ein Buch wie ein warmer Platz zum Durchatmen

Mensch, Matt Haig. Mit dir würde ich wirklich gern mal an einem Tisch sitzen. Mit oder ohne Apfelkuchen, ist mir egal. Ich wäre wahrscheinlich so mit Fühlen beschäftigt, ich hätte wohl gar keine Zeit, mich dem Kuchen auch nur auf eine Gabellänge zu nähern. 

Was soll ich sagen? Kauft euch dieses Buch. Oder leiht es euch. Lest es. Stückchenweise oder ganz. Völlig egal. Ich glaube, jede*r kann in jeder Situation einen Gedanken der Hoffnung darin finden. 

Und ich weiß auch, was ich jetzt mit diesem Buch mache. Ich nehme mir hier und jetzt vor, das Buch einmal pro Woche aufzuschlagen. Auf irgendeiner Seite. Und dann zu schauen, wo mich der dortige Gedanke hinführt. 

 

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Carolin Junge 

Caro ist ein kreatives Mastermind mit ganz viel Herz, das ganz besonders laut für Bücher schlägt. Da kommen mal locker 50 gelesene Bücher im Jahr zusammen – nur noch getoppt vom Stapel ungelesener Bücher, der einfach nicht aufhören will zu wachsen. Mit ihrem Unternehmen oh boy! und als Fachbuch-Autorin hat sie sich im Branding & Storytelling einen Namen gemacht. Als ausgebildete Trauerbegleiterin (VMN) hat sie außerdem das Büro Ciao gegründet, einen Creative Space in Sachen Trauer. Damit bringt sie frischen Wind und mehr Awareness in die staubtrockene Trauerkultur. Mit ganz neuen, kreativen Trauerprojekten holt sie das Tabu-Thema unter dem viel zu hohen Teppich hervor (Stay tuned!) und bringt Menschen dort mit Tod und Trauer in Berührung, wo es auf den ersten Blick "eigentlich gar nicht hingehört".

     

 

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