Trauerbegleitung ist Care-Arbeit: Wer tröstet eigentlich die Gesellschaft?

Trauerbegleitung ist Care-Arbeit: Wer tröstet eigentlich die Gesellschaft?

Über Trauerarbeit, weibliche Selbstverständlichkeit und warum sie endlich als Arbeit gelten muss

Am Sonntag ist Weltfrauentag.
Ein Tag, an dem Blumen verteilt werden, Rabattcodes für „Selfcare“ durch die sozialen Medien ziehen und Unternehmen ihre Logos kurzzeitig lila einfärben. Ein Tag also, an dem viel von Gleichstellung die Rede ist. Theoretisch.

Praktisch ist das auch ein guter Moment, über eine Form von Arbeit zu sprechen, die erstaunlich selten benannt wird,  wenn von Gleichberechtigung die Rede ist: Emotionale Carearbeit.

Denn während Gleichstellung meist entlang von Gehaltslücken, Quoten oder Vorstandsetagen diskutiert wird, bleibt ein anderer Bereich fast unsichtbar – die emotionale Arbeit rund um Verlust, Tod und Trauer.

Und wer sie leistet.

Spoiler: es sind meistens Frauen.

 

Wenn jemand stirbt, beginnt gesellschaftliche Arbeit

Wenn ein Mensch stirbt, bricht nicht nur eine Familie zusammen, sondern ganze Systeme wackeln. Trauer schlägt riesengroße Wellen, verbreitet Unruhe und Unsicherheit weit über die Beerdigung hinaus. Sie mäandert durch Freundeskreise, Kollegien, Nachbarschaften, Schulklassen.

Für das Überstehen und Überleben dieser Kreise und Systeme braucht es Menschen, die das halten und begleiten.

Die zuhören.
Die Gespräche führen, wenn andere nicht wissen, was sie sagen sollen.
Menschen, die aushalten, dass es keine schnellen Antworten gibt.

Diese Arbeit nennt sich Trauerbegleitung.

Sie verlangt Zeit, oft jahrelange Ausbildung, psychologisches Wissen und eine Menge emotionaler Stabilität. Wer Menschen in Trauer begleitet, muss mit Sprachlosigkeit umgehen können, mit Wut, mit Schuldgefühlen, manchmal auch mit Verzweiflung, aber auch mit Widersprüchlichkeit, Erleichterung und gesellschaftlichen, religiösen Korsagen und Maulkörben.

Kurz: Das ist anspruchsvolle Arbeit.

Und trotzdem geschieht ein großer Teil davon in Deutschland ehrenamtlich – besonders in der Hospizarbeit, in kirchlichen Kontexten oder in freien Trauergruppen.

Das klingt zunächst nach engagierter Zivilgesellschaft. Nach Solidarität. Nach Mitmenschlichkeit.

Doch schaut man genauer hin, zeigt sich ein Muster, das Feministinnen seit Jahrzehnten beschreiben: Diese Arbeit wird überwiegend von Frauen getragen.

 

Die stille Erwartung: Frauen kümmern sich eben

Es gehört zu den ältesten kulturellen Skripten unserer Gesellschaft.

Frauen kümmern sich.
Frauen hören zu.
Frauen halten Gefühle aus.

Und Frauen tun das bitte nicht wegen des Geldes, sondern „aus Berufung.

Dass dieselbe Gesellschaft gleichzeitig Milliarden in Gesundheits-, Sicherheits- und Wirtschaftssysteme investiert, aber beim Thema Trauer auf Ehrenamt setzt, sagt viel darüber, wie emotionale Arbeit bewertet wird.

Oder eher: abgewertet wird.

So vertraut ist diese Vorstellung, dass sie selten ausgesprochen werden muss. Sie wirkt im Hintergrund weiter.

Wenn Frauen trösten, gilt das schnell als selbstverständlich.
Wenn sie emotionale Arbeit leisten, erscheint sie weniger als erlernte Kompetenz denn als natürliche Fähigkeit.

Empathie wird zur weiblichen Ressource erklärt – als gäbe es irgendwo einen emotionalen Brunnen, aus dem sich die Gesellschaft jederzeit bedienen kann.

Natürlich kostenlos.

Wer einmal länger mit Menschen gearbeitet hat, die trauern, weiß allerdings, wie wenig romantisch diese Vorstellung ist. Trauerbegleitung ist keine intuitive Nettigkeit. Sie ist belastend, fordernd und oft auch erschöpfend. Vor allem, wenn man das noch nebenbei macht.

Menschen, die diese Arbeit professionell machen, lernen Gesprächsführung, Krisenintervention, psychologische Grundlagen. Sie lernen vor allem auch, eigene Grenzen zu erkennen.

Denn wer dauerhaft mit Trauer arbeitet, trägt Verantwortung für Menschen in extrem verletzlichen Momenten ihres Lebens.

Dass diese Arbeit trotzdem häufig nicht als Arbeit gilt, hat Struktur.

 

Emotionale Arbeit ist richtige Arbeit

Feministische Ökonominnen nennen das emotionale Arbeit – jene unsichtbaren Tätigkeiten, die Beziehungen stabilisieren, Konflikte auffangen und Gemeinschaft überhaupt erst möglich machen.

Ohne sie würde unsere Gesellschaft schlicht kollabieren.

Trauerbegleitung gehört zu den intensivsten Formen dieser Arbeit. Wer sie professionell ausübt, trägt Verantwortung für Menschen in extrem verletzlichen Lebensphasen.

Dass diese Arbeit so häufig unbezahlt oder schlecht bezahlt ist, liegt nicht daran, dass sie wenig wert wäre.

Sondern daran, wer sie macht.

 

Selbst in der Seelsorge wird Kompetenz zur „weiblichen Natur

Dabei könnten wir es eigentlich besser wissen.

Die Kirche gilt historisch als eine der Institutionen, die Seelsorge überhaupt systematisch entwickelt hat. Gespräche über Schuld, Trost, Verlust und Hoffnung gehören seit Jahrhunderten zu ihrem Selbstverständnis. Und doch zeigt sich auch dort ein vertrautes Muster.

In theologischen Ausbildungen wird ausführlich über liturgische Präsenz gesprochen – über Stimme, Körperhaltung, Rituale, Predigtformen. Die ganz praktische Frage, wie man Menschen in akuter Trauer begleitet, bekommt dagegen oft erstaunlich wenig Raum.

Was sagt man, wenn jemand sein Kind verloren hat?
Wie hält man ein Gespräch aus, in dem jemand kaum spricht?
Wie reagiert man auf Wut oder Schuldgefühle?

Gerade Theologinnen aber auch andere Helfende hören in diesem Zusammenhang immer wieder einen Satz, der eigentlich ganz freundlich klingt:

„Als Frauen könnt ihr das ja von Natur aus.

Ein Satz wie eine Ohrfeige, was hier wie ein Kompliment gemeint ist, entwertet Kompetenz.

Wer etwas angeblich „von Natur aus“ kann, braucht keine Ausbildung.
Und wer keine Ausbildung braucht, dessen Arbeit erscheint schnell als selbstverständlich.

Auch hier wiederholt sich ein bekanntes Muster: Emotionale Kompetenz wird feminisiert – und dadurch entprofessionalisiert.

 

Das Ehrenamt als feminisierte Selbstverständlichkeit

Ehrenamt ist wichtig. Ohne freiwilliges Engagement würde vieles in dieser Gesellschaft nicht funktionieren.

Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen, welche Tätigkeiten regelmäßig im Ehrenamt landen.

Auffällig oft sind es Formen von Care-Arbeit: Begleitung, Unterstützung, Zuhören, Beziehungspflege. Tätigkeiten also, die Gemeinschaft stabilisieren und Menschen durch Krisen tragen.

Unverzichtbare Arbeit – und gleichzeitig strukturell unterfinanziert.

Das Ehrenamt wird dabei gerne moralisch aufgeladen: Menschen tun diese Arbeit aus Überzeugung, aus Nächstenliebe, aus Verantwortung für andere.

Das mag alles stimmen.

Aber diese Erzählung verdeckt auch etwas anderes.

Eine Gesellschaft, in der Menschen sterben, krank werden, Angehörige verlieren und mit existenziellen Krisen konfrontiert sind, braucht Strukturen, die diese Erfahrungen auffangen.

Doch statt sie konsequent zu finanzieren, wird ein großer Teil dieser Arbeit privat organisiert.

Und sehr häufig: weiblich.

Warum emotionale Care-Arbeit so selten gut bezahlt wird

Die Frage dahinter ist unangenehm, aber zentral: Warum wird emotionale Care-Arbeit so selten gut bezahlt?

Der Grund liegt in unserer ökonomischen Logik.

Bezahlt wird vor allem, was sich klar messen lässt: Produktivität, Effizienz, Wachstum. Emotionale Arbeit produziert keinen sofort sichtbaren Marktwert. Ihr Erfolg zeigt sich oft gerade darin, dass etwas nicht passiert.

Keine Eskalation.
Keine Isolation.
Kein völliger Zusammenbruch.

Das lässt sich schwer in Tabellen festschreiben.

Ein zweiter Grund ist historisch.

Über Jahrhunderte wurde Care-Arbeit innerhalb von Familien geleistet: unbezahlt, unsichtbar und überwiegend von Frauen. Als Teile dieser Arbeit später professionalisiert wurden, blieb ihre gesellschaftliche Bewertung erstaunlich niedrig.

Der Markt hat sie teilweise übernommen, die alte Erwartung aber nicht abgeschafft.

Care-Arbeit gilt weiterhin als moralische Pflicht, nicht als ökonomische Leistung.

Und schließlich spielt auch Macht eine Rolle. Berufe mit hohem Einkommen liegen häufig in Bereichen, die traditionell männlich geprägt sind – Technik, Management, Finanzen. Tätigkeiten, bei denen Empathie, Beziehungsarbeit und emotionale Stabilität im Zentrum stehen, werden dagegen schnell als „soft“ bezeichnet.

Dabei sind sie alles andere als das. Es nervt. Lasst uns das ändern.

 

Es fängt mit einem kleinen Streik an.

Genau deshalb der Frauenstreik am 9. März, einen Tag nach dem Weltfrauentag so wichtig. Initiiert vom Töchterkollektiv soll dieser Streik daran erinnern, was passieren würde, wenn Frauen all die Arbeit niederlegen würden, die oft unsichtbar bleibt.

Nicht nur Büros würden leerer werden.

Auch Küchen.
Kindergärten.
Pflegeheime.
Und sehr viele Räume, in denen Menschen gerade versuchen, mit ihrer Trauer nicht allein zu sein.

Der feministische Kampf dreht sich nicht nur um Machtpositionen.

Er dreht sich auch um die Anerkennung dessen, was eine Gesellschaft überhaupt zusammenhält.

Und das ist manchmal schlicht ein Mensch, der bleibt, zuhört und sagt:
Du musst da nicht alleine durch.

Vielleicht ist es an der Zeit, diese Arbeit nicht länger als weibliche Selbstverständlichkeit zu behandeln.

Sondern als das, was sie ist:

Arbeit.

Und zwar eine, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde

 

Empathie ist keine weibliche Eigenschaft. Sie ist richtige Arbeit.

Man merkt erst, was jemand täglich trägt, wenn es einmal nicht getragen wird. Die Idee dahinter ist einfach: sichtbar machen, wie viel Arbeit Frauen jeden Tag leisten – auch die, die selten als Arbeit wahrgenommen wird.

Klar ist:

Nicht jede kann streiken.
Nicht jede kann einen ganzen Tag aussteigen.

Gerade Care-Arbeit lässt sich nicht einfach pausieren. Kinder müssen versorgt werden, Menschen gepflegt, Angehörige begleitet werden. Geld muss verdient werden.

Aber es geht ja auch kleiner.

Vielleicht reicht es, an diesem Tag bewusst etwas liegen zu lassen. Eine organisatorische Aufgabe, ein Gespräch, eine emotionale Verantwortung, die sonst automatisch übernommen wird. Jedes auch so kleine Zeichen ist ein Zeichen.

Und ja, viele Frauen wissen sehr genau, dass diese Arbeit am nächsten Tag wahrscheinlich trotzdem erledigt werden muss – oft sogar von ihnen selbst.

Selbst dann hat die Aktion, die Geste eine Bedeutung, denn Sichtbarkeit entsteht dort, wo Selbstverständlichkeiten entlarvt und entkräftet werden, wo eine Irritation entsteht.

Eine Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, kostenlos getröstet zu werden, merkt erst im Stillstand, wie viel Arbeit im Trösten steckt.

Empathie ist keine weibliche Eigenschaft. Kein Talent. Alles andere als eine  Grundausstattung.

Sie ist richtige Arbeit.

Und zwar eine, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktioniert.

 

 

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Anemone Zeim

Anemone Zeim ist Gründerin von Vergiss Mein Nie und schreibt hier über das, was bleibt, wenn das Leben einen Punkt macht – oder manchmal nur ein Komma. Sie bewegt sich elegant zwischen klugen Fußnoten, wildgewordenen Gedanken und poetischen Bauchgefühlen. Sie entwickelt Rituale für Trauernde, die anders sind, die Freude machen, die wirken. Anemone glaubt daran, dass Trauer mehr kann als traurig sein – nämlich verbinden, verwandeln und manchmal sogar ein kleines bisschen glitzern.

     

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