Caro liest laut: Blue Sisters von Coco Mellors - Vergiss Mein Nie

Caro liest laut: Blue Sisters von Coco Mellors

Das Buch: Blue Sisters von Coco Mellors

Trauer-Topic: Geschwisterverlust, das Neuarrangieren eines Familiensystems nach Verlust,  

Trauer-Barometer: 4/5 

 


Das ist dieses eine Buch, das richtig weh tut. Weil es vollgepackt ist mit Trauer in ihren unterschiedlichsten Facetten. Weil es so schön geschrieben ist. Weil wir darin über das Leben und den Tod lernen. Weil wir so tief in ein System hineinblicken dürfen, das uns in der Intensität sonst verborgen bleibt: Schwesternschaft. „Blue Sisters”* ist eines der wenigen Bücher, das ich immer wieder lesen würde. 

 

Ein Roman ĂĽber Trauer, Schwesternschaft und das, was fehlt

Eine Warnung vorweg: Möglicherweise bin ich bei dieser Buchrezension voreingenommen. Denn ich bin selbst eine Schwester und ich LIEBE dieses Buch. Es ist einer meiner Favoriten in 2024 gewesen. Es könnte also sein, dass dieser Text von diesen Umständen leicht bis sehr stark beeinflusst ist. Aber ich bin so oder so vollkommen überzeugt: Die Geschichte. Ist. So. Gut. Und Trauer-Interessierte können sich hier auf die Suche nach ganz vielen unterschiedlichen Trauerthemen begeben. 

Es ist eine Geschichte über “drei ungleiche Schwestern, wo zuvor vier waren”. Avery, Bonny und Lucky leben verschiedene Leben an unterschiedlichen Orten, als die Umstände sie wieder zusammenführen. Nur noch zu dritt, nicht mehr vollständig nach dem Tod ihrer Schwester Nicky, müssen sie sich mit dem schief hängenden Mobilé Schwesternschaft auseinandersetzen. Eine fehlt, der Rest ist in Schieflage geraten und allein, nur für sich, lässt es sich unmöglich austarieren. 

 

„Vor Nickys Tod dachte ich, ich wüsste wer ich bin, aber ich habe keine Ahnung. Du hast gesagt, du verlierst mich schon seit einem Jahr, aber mir geht es genauso. Ich habe sie verloren und mich gleich mit. Ich habe keinen blassen Schimmer mehr, wer ich bin.” (S. 428) 

 

Schwestern in Trauer: Wie Geschwister unterschiedlich trauern

So sehr sie der Verlust eint, so verschieden sind ihre persönlichen Themen mit dem Verlust von Nicky. 

 

Avery: Verantwortung statt Raum fĂĽr Trauer

Avery, die älteste Schwester, ist die Verantwortliche – sie funktioniert, kümmert sich, passt sich an. Das kennt sie, hat sie schon immer getan und führt sie selbstverständlich fort. Doch um in dieser Rolle bestehen zu können, muss sie die Trauer in den Hintergrund schieben, muss sie ihr Leben, ihr Umfeld unter Kontrolle behalten. Wie soll sie bei alldem auch noch sich selbst als Trauernde wahrnehmen? 

 

Bonny: Flucht, Trauma und der körperliche Kampf mit dem Verlust

Bonny, die mittlere Schwester, musste vor dem Trauma, ihre Schwester Nicky tot aufgefunden zu haben, fliehen. Weit weg von zu Hause, der vertrauten Umgebung, den Schwestern. Doch schnell muss sie erkennen, dass die Trauer ihr immer dicht auf den Fersen ist. Sie kämpft, im wahrsten Sinne des Wortes, mit dem Schmerz und um ihren Lebensweg. 

 

Lucky: Verdrängung, Exzess und die Suche nach Halt

Lucky, die jüngste Schwester, trägt die Trauer wie Haute Couture für eine ihrer Model-Shows. Alkohol, Drogen, Partys, Karriere – so versucht sie, sich um das Erwachsenwerden und das Anerkennen ihres Verlustes drumherum zu mogeln. Ihr fehlt der Halt, die Verbindung und je mehr externe Ausflüchte sie sucht, desto größer wird ihre Leere. 

 

Wenn ein Familiensystem in Trauer aus dem Gleichgewicht gerät

So stellen die vier Schwestern die Vielfalt der Trauer dar. Versuchen, sich einander anzunähern, und können sich ja selbst kaum finden. Dabei sind sie doch auch eins. Aber jetzt eben anders, weil das “eins” eine Lücke hat. 

 

„Es stimmte. Eine von vier Schwestern zu sein war ihr immer vorgekommen, wie Teil von etwas Magischem zu sein. (...) Bonnie war unheimlich gern Teil dieser mystischen Zahl, dieser perfekten Symmetrie von zwei mal zwei.” (S. 141) 

 

Ja, dieses Buch rührt mich sehr. Vielleicht weil ich selbst eine Schwester habe. Eine Schwester bin. Nicht nur vielleicht, ganz sicher ist das ein Grund. Ich fühle so viele der Worte, die Coco Mellors findet, stecke mittendrin in der Feinfühligkeit, die sie findet, um diese absolut unnachahmliche Verbindung zwischen Geschwistern auszudrücken. 

 

„Du kennst mich erst, hatte sie immer zu Pavel gesagt, wenn du meine Schwestern kennst.” (S. 141) 

 

Wie lebt man weiter, wenn eine Schwester fehlt?

Und je größer, so wahnsinnig bedeutsam, diese Rolle als Schwester ist, desto wuchtiger ist dann die Frage: Was passiert, wenn diese Rolle wegfällt. Was bleibt? Wieviel Schwester steckt in einem selbst? Wie viel Individuum ist man, wenn man Teil eines Geschwister-Systems ist? Denn als Geschwisterkind war man nie nur man selbst. Man kann nie nur auf sich alleine schauen. Wer man ist. Wer man war. Wer man sein wird.  

 

„Es war die Frage, die alle drei sich das ganze letzte Jahr über so oder so ähnlich gestellt hatten. Wie sollten sie mit dieser Trauer leben? Wie sollten sie ihr Leben lieben, ohne ihre Schwester darin?” (S. 418) 

 

„Blue Sisters” ist eine echte thematische Rarität aus den unendlichen Weiten der Bücherwelt (Danke, Bookstagram!). Denn nicht nur ist Coco Mellors eine begnadete Geschichtenerzählerin mit Worten, die Emotionen bis zum Mond und zurück transportieren. Auch das Thema, der Verlust von Geschwistern, ist in der Literatur nicht so verbreitet, wie man meinen könnte. Was vielleicht daran liegt, dass Geschwistertode als Trauerthema sowieso viel zu selten die Präsenz bekommen, die sie verdienen. (Was sich dringend ändern sollte, deshalb hier noch eine passende Fachbuch-Empfehlung: Minke Weggemans: Geschwistertod. Leben mit einem schweren Verlust.)

Ich weiĂź nicht, wie es ist, dieses Buch ohne die Perspektive der eng verbundenen Schwester zu lesen. Aber ich bin mir sicher, es wird auch jede*n andere*n mit seinem FeingefĂĽhl und seiner emotionalen Tiefe berĂĽhren.

 

Hier findest du "Blue Sisters" von Coco Mellors bei Thalia.*

 

 

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Carolin Junge 

Caro ist ein kreatives Mastermind mit ganz viel Herz, das ganz besonders laut für Bücher schlägt. Da kommen mal locker 50 gelesene Bücher im Jahr zusammen – nur noch getoppt vom Stapel ungelesener Bücher, der einfach nicht aufhören will zu wachsen. Mit ihrem Unternehmen oh boy! und als Fachbuch-Autorin hat sie sich im Branding & Storytelling einen Namen gemacht. Als ausgebildete Trauerbegleiterin (VMN) hat sie außerdem das Büro Ciao gegründet, einen Creative Space in Sachen Trauer. Damit bringt sie frischen Wind und mehr Awareness in die staubtrockene Trauerkultur. Mit ganz neuen, kreativen Trauerprojekten holt sie das Tabu-Thema unter dem viel zu hohen Teppich hervor (Stay tuned!) und bringt Menschen dort mit Tod und Trauer in Berührung, wo es auf den ersten Blick "eigentlich gar nicht hingehört".

     

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