Trauern ist ein Tanz mit den Schatten der Vergangenheit, und die Schritte, die wir gehen, sind oft von Erinnerungen geleitet, die wir im Herzen und im Körper tragen. Allan Køster, ein dänischer Forscher, zeigt in seiner Arbeit zur Körpererinnerung und zur fortdauernden Bindung, dass Trauer weit mehr ist als ein rein emotionales Erlebnis – sie ist im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert. Køster spricht von einem "interkorporealen Körpergedächtnis", einem lebendigen Gefühl, das die Verbindung zu unseren Verstorbenen weiterträgt, wie eine zarte Melodie, die immer im Hintergrund spielt.
Was ist das Körpergedächtnis?
Das Körpergedächtnis ist die Fähigkeit unseres Körpers, emotionale Erfahrungen, Erlebnisse und Beziehungen auf einer verkörperten Ebene zu speichern. Das Körpergedächtnis ist die Fähigkeit unseres Körpers, emotionale Erfahrungen, Erlebnisse und Beziehungen auf einer verkörperten Ebene zu speichern. Diese Erinnerungen sind nicht einfach kognitive Konzepte, die wir bewusst abrufen – sie sind vielmehr in die Muskeln, das Nervensystem und die Empfindungen eingebettet. Man könnte sagen, der Körper hat sein eigenes Gedächtnis, das unabhängig vom Verstand existiert und durch sensorische Eindrücke und Bewegungen aktiviert wird. Das Körpergedächtnis ist tief in unserer physischen Erfahrung verwurzelt: es zeigt sich in der Art und Weise, wie wir jemanden umarmen, wie wir den Geruch eines bestimmten Parfums mit einer Person assoziieren oder wie ein bestimmtes Lied eine tiefe emotionale Resonanz hervorruft.
Dieses Körpergedächtnis braucht Nahrung, um lebendig zu bleiben. Und hier kommen unsere Erinnerungsstücke ins Spiel – kleine, greifbare Schätze, die wir mit Liebe und Bedacht schaffen, um das Gefühl der Nähe zu bewahren. Es kann ein Amulett aus der Lieblingskette des Verstorbenen sein, ein Duftkissen, das nach seinem oder ihrem Parfum riecht, oder ein Foto, eingerahmt in ein Stück Stoff, das einst getragen wurde. Diese Stücke werden zu Katalysatoren für unsere Körpererinnerung, sie helfen uns, die zarte Verbindung in die Welt des Greifbaren zu ziehen.
Körpererinnerung und fortdauernde Bindung in der Trauerforschung
Allan Køster betont in seiner Arbeit, dass trotz der wachsenden Literatur über fortdauernde Bindungen (Klass & Steffen, 2018) eine bemerkenswerte Lücke in der Forschung besteht, die sich auf die Rolle des lebendigen Körpers in unserer Beziehung zu Verstorbenen konzentriert. Diese Vernachlässigung ist umso erstaunlicher, da unsere Beziehungen zu nahestehenden Menschen oft tief verkörpert sind. In seiner Untersuchung hebt Køster hervor, dass Körpererinnerung ein entscheidender Faktor für die Qualität der fortdauernden Bindung ist (Køster, 2020). Durch kontrastierende Fallstudien aus der Forschung zur frühen elterlichen Trauer veranschaulicht er, wie das körperliche Empfinden der Verstorbenen, das im Körpergedächtnis bewahrt wird, fundamental für die Aufrechterhaltung einer bedeutungsvollen Verbindung ist (Køster, 2021). In einer der Fallstudien beschreibt er beispielsweise eine Mutter, die den tragischen Verlust ihres Kindes erlebte und feststellte, dass das Gefühl der körperlichen Präsenz des Kindes – wie etwa das Empfinden von dessen Gewicht, als würde sie es noch halten – entscheidend dafür war, eine fortdauernde emotionale Nähe zu bewahren. Diese verkörperte Erinnerung, die durch alltägliche Bewegungen wie das Wiegen eines Kissens oder das Umschlingen der eigenen Arme verstärkt wurde, half ihr, die Bindung aufrechtzuerhalten. In einer anderen Fallstudie wird die Erfahrung eines Vaters beschrieben, der den Geruch des Lieblingsspielzeugs seines Kindes nutzte, um eine fühlbare Präsenz des Verstorbenen zu erzeugen. Der Duft, tief im Körpergedächtnis verankert, ermöglichte es ihm, die Verbindung lebendig zu halten und die Trauer in eine Form der Kontinuität zu überführen.
Embodiment: Trauer als verkörperte Erfahrung
Hier kommen auch die Konzepte von Embodiment und Bodywork ins Spiel. Der Begriff "Embodiment" (Verkörperung) beschreibt, wie Erfahrungen nicht nur im Kopf, sondern im gesamten Körper verankert sind. Unsere Trauer ist nicht nur ein Gedanke oder ein Gefühl – sie zeigt sich in unserem ganzen Wesen, in unserer Körperhaltung, in den Bewegungen, die wir machen, oder in dem, wie wir uns fühlen. Embodiment bedeutet, dass der Körper nicht nur ein Träger der Trauer ist, sondern aktiv daran beteiligt ist, wie wir Trauer erleben und verarbeiten. Die körperliche Verankerung von Erinnerungen ist es, die uns in der Trauer so tief mit dem Verstorbenen verbunden bleiben lässt. Wenn wir uns an eine Umarmung erinnern, fühlen wir diese Umarmung nicht nur als ein Bild in unserem Kopf, sondern als ein warmes, umfassendes Gefühl im Körper.
Bodywork: Körperarbeit als Ressource in der Trauer
Bodywork kann in diesem Kontext eine wichtige Rolle spielen. Körperarbeit – sei es durch bewusste Bewegungen, Atemübungen oder sanfte Berührungen – unterstützt uns dabei, den Körper als Ressource zu nutzen, um mit der Trauer in Kontakt zu bleiben. Es hilft, die im Körper gespeicherten Erinnerungen und Emotionen zu verarbeiten, anstatt sie zu unterdrücken. Wenn wir uns mit Erinnerungsstücken beschäftigen oder Rituale ausführen, nutzen wir im Grunde auch eine Form von Bodywork. Durch das Berühren, Riechen und Fühlen der Gegenstände bringen wir die Trauer in Bewegung und ermöglichen unserem Körper, die fortdauernde Bindung zu verarbeiten und in unser Leben zu integrieren.
Zwei Rituale zur Stärkung des Körpergedächtnisses in der Trauer
- Atemritual mit Duftanker: Setze dich an einen ruhigen Ort, nimm ein Erinnerungsstück, das einen bestimmten Duft verströmt, der dich an den Verstorbenen erinnert – zum Beispiel ein Kissen, das nach seinem Parfum riecht. Halte das Objekt nah an dein Gesicht und atme tief ein. Lass mit jedem Atemzug die Erinnerungen und Gefühle in deinen Körper strömen. Dieses Ritual verbindet die bewusste Atmung (Bodywork) mit dem Duftanker, um eine tiefgehende Verbindung zwischen Erinnerung und körperlichem Empfinden herzustellen. Der Geruch aktiviert das Körpergedächtnis und hilft dir, die Präsenz des Verstorbenen körperlich zu spüren.
- Erinnerungs-Tanzritual: Wähle ein Lied, das dich an den Verstorbenen erinnert, und spiele es in einem Raum, in dem du dich frei bewegen kannst. Lasse deinen Körper einfach den Melodien folgen, ohne über die Bewegungen nachzudenken. Tanze, bewege dich langsam oder schnell – so, wie es sich in diesem Moment richtig anfühlt. Der Tanz ermöglicht es dir, die im Körper gespeicherten Erinnerungen auf eine freie und lebendige Art auszudrücken. Es ist ein Ritual, das dem Körper erlaubt, Gefühle durch Bewegung zu verarbeiten und die Verbindung zum Verstorbenen auf eine verkörperte Weise zu feiern.
Erinnerungsstücke als Brücke zwischen Körper, Erinnerung und Beziehung
Erinnerungsstücke sind ein greifbares Mittel, um diese Verbindung aufrechtzuerhalten. Køsters Arbeit zeigt, dass das Körpergedächtnis, wenn es gestört oder vernachlässigt wird, in eine existenzielle Sehnsucht – ein Verlangen nach Konkretheit – übergehen kann. Erinnerungsstücke bieten genau diese Konkretheit. Sie sind Brücken zwischen Hier und Dort, zwischen Jetzt und Damals. Sie sind kleine, treue Anker in einem Meer aus Erinnerungen, die uns die Möglichkeit geben, uns festzuhalten, wenn die Wellen der Trauer zu stark werden.
Die Bedeutung sozialer Unterstützung und materieller Gegebenheiten spielt in diesem Kontext ebenfalls eine wesentliche Rolle. Køster unterstreicht, dass unterstützende Strukturen und materielle Ressourcen entscheidend sind, um Kindern ein fortdauerndes Gefühl der Verbundenheit zu ihrem verstorbenen Elternteil zu ermöglichen. Gerade in der frühen Trauerphase, in der das Körpergedächtnis besonders präsent ist, helfen uns greifbare Erinnerungsstücke, eine tiefe, körperlich empfundene Verbindung zu bewahren.
Indem wir Erinnerungsstücke schaffen, schaffen wir uns selbst auch Momente der Nähe, des Trosts und des Verstehens. Wir lassen uns nicht nur an sie erinnern, wir lassen sie weiter Teil unserer Welt sein. Es ist ein liebevolles, kluges Ritual – ein ständiges Weben von zarten Bändern der Verbundenheit, die in unseren Händen und Herzen spürbar bleiben. Diese Bänder sind wie die Wurzeln eines Baumes, die tief in der Erde Halt finden, während der Baum selbst weiter in den Himmel wächst. So bleiben unsere Erinnerungen fest verankert in unserem Körpergedächtnis, während wir uns gleichzeitig weiterentwickeln und unseren Weg durch die Trauer finden.
Die Trauer ist ein Prozess, der Körper und Seele gleichermaßen erfasst, und die körperliche Verankerung der Erinnerung bietet uns eine greifbare und liebevolle Art, die Verbindung zu unseren Verstorbenen aufrechtzuerhalten. Erinnerungsstücke sind nicht nur Objekte, sie sind kleine Universen, die das Gefühl der Nähe und Liebe lebendig halten. Mit jedem Blick, jedem Berühren dieser Objekte wird die zarte Melodie der Erinnerung wieder angestimmt und lässt uns im Tanz mit den Schatten der Vergangenheit nicht allein.
Quellen:
- Køster, A. (2020). "Longing for Concreteness: How Body Memory Matters to Continuing Bonds". VBN Aalborg University.
- Køster, A. (2021). "The Felt Sense of the Other: Contours of a Sensorium". Phenomenology and the Cognitive Sciences, 20, 57–73. https://doi.org/10.1007/s11097-020-09657-3
- Klass, D., & Steffen, E. (Eds.). (2018). "Continuing Bonds in Bereavement: New Directions for Research and Practice". Routledge, Taylor & Francis Group.
- Simpkins, S. A. & Myers-Coffman, K. (2017). "Body Memory in Grief". Springer.
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Anemone Zeim Anemone Zeim ist Gründerin von Vergiss Mein Nie und schreibt hier über das, was bleibt, wenn das Leben einen Punkt macht – oder manchmal nur ein Komma. Sie bewegt sich elegant zwischen klugen Fußnoten, wildgewordenen Gedanken und poetischen Bauchgefühlen. Sie entwickelt Rituale für Trauernde, die anders sind, die Freude machen, die wirken. Anemone glaubt daran, dass Trauer mehr kann als traurig sein – nämlich verbinden, verwandeln und manchmal sogar ein kleines bisschen glitzern. |

