Caro liest laut: Sonnenhang von Kathrin Weßling

Caro liest laut: Sonnenhang von Kathrin Weßling

Das Buch: Sonnenhang von Kathrin Weßling

Trauer-Topic:
Trauer um verlorene Zukunftsvisionen / unerfüllter Kinderwunsch 

Trauer-Barometer: 4/5 

 

Spoiler Alert! 🙂 

  



Dieses Buch hat Brisanz. Denn die Hauptrolle spielt eine selten besprochene Art der Trauer. Eine, die so oft verborgen bleibt, selbst im engsten Kreis – der manchmal sogar so weit reicht, dass er einen selbst einschließt. Es geht um die Trauer um eine Zukunft, die man sich anders vorgestellt hatte, die einem jedoch verwehrt bleibt. Es geht um einen Kinderwunsch, der unerfüllbar bleiben wird. Ja, in “Sonnenhang” macht sich ein großes, dickes Trauermonster breit. Auch wenn (und gerade weil) die Protagonistin selbst sich die Tragweite ihres Verlustes immer wieder abspricht. 

 

Trauer um eine Zukunft, die plötzlich nicht mehr möglich ist

Man könnte fast sagen, dass wir mit der Hiobsbotschaft ins Buch geworfen werden. Die Autorin Kathrin Weßling lässt keinen Zweifel daran, dass wir hier nicht Rätselraten werden, sondern den Verlust spüren. Mittragen. Ertragen. Schließlich bleibt der Protagonistin Katharina ab Seite 34 auch nichts anderes übrig, denn da erfahren wir: Katharina hat ein “scheißgroßes Myom an der Gebärmutter", was sich nur durch die Entfernung ihrer Gebärmutter entfernen lässt. Das heißt auch, sie wird keine Kinder mehr bekommen können. Eine Erkenntnis von größtem Ausmaß, in wenigen Sätzen zusammengefasst. 

 

„Wenn man es mal genau nahm, waren es nur ein paar Sätze gewesen, die alles verändert hatten, und das ist wohl die große Ironie des Lebens, dass es am Ende immer nur ein Satz oder zwei sind, die mit einem Schlag alles zerstören.“ (S. 34) 

 

Unerfüllter Kinderwunsch: Wenn der Schmerz alles überrollt

Wir sind dabei, als der unerfüllbare Kinderwunsch Katharina mit voller Wucht trifft, als ihr Kopf anfängt, sich auf Überholspur-Geschwindigkeit zu drehen. Die Autorin reiht Halbsatz an Halbsatz und fürchtet kein Komma. Obwohl das Buch in der 3. Person geschrieben ist, fühlt es sich dadurch an, als wären wir mittendrin in Katharinas Kopfkarussell – voller Gedanken, Fragen, Gedanken, Gedanken, Gedanken. Alles voll und ständig am Kreiseln. Wir begleiten Schmerz, Wut und Enttäuschung. Wir laufen neben Katharina her, während sie versucht anderen Paaren mit Kindern aus dem Weg zu gehen und diese Stiche auszuhalten, die all diese Familienkonstellationen in ihrem Herzen hinterlassen. Seitenweise verstreut oder geballt in wenigen Zeilen, alle Gefühle sind sowas von da. Und Katharina, die ist so schön roh in ihren Gedanken. Unverstellt. 

 

„Ein Gefühl ist ein Gefühl ist ein Gefühl, das ist da und schreit laut, das quäkt rum und will was, gesehen werden oder so, und dem Gefühl ist es egal, ob man es in drei Monaten noch fühlt, Gefühle kennen nur ein Gestern und ein Jetzt, sie kennen absolut kein Morgen.“ (S. 86) 

 

Unsichtbare Trauer: Wenn andere den Verlust nicht sehen

Und dann kommt noch dazu: Katharinas ganz persönliches Trauerthema ist total belastet. Ja, Menschen gehen mit dem Thema Kinderwunsch gerne mal unbedacht um. “Kein Mann, keine Kinder?” (S. 64) fragen sie, als sei es das Normalste der Welt. Sehen die Wunden nicht. Egal wie vernarbt oder frisch blutig sie sind. Stolpern einfach darüber. Und reißen daran. Also darf Katharina nicht nur für sich darunter leiden. Nein, immer wieder muss sie es auch im Außen. Weil sie plötzlich in Schubladen gepresst wird, die sie vielleicht niemals selbst für sich aufgezogen, in die sie sich niemals einsortiert hätte. Keine Kinder? Aha, Feministin. Stempel drauf, Schublade zu. Und die Schublade mit der Aufschrift „ganz normale Frau“? Was ist mit der? Da kann sie jetzt dran rütteln wie sie will, oder? Die bleibt verschlossen. Sorry, kein Zugang für dich, Katharina. Na danke. Was für ein Schmerz! Gleichzeitig spricht sich Katharina genau diesen Schmerz immer wieder selbst ab. Doch wie so oft: Sie ahnt selbst nicht einmal, dass sie das tut. 

 

„Am Anfang kamen ihr noch die Tränen und dann wurde sie immer böse mit sich, hat sich gemaßregelt und ermahnt, dass andere Frauen Krebs haben oder sterben und sie hat nur keinen Uterus mehr, das ist ja wohl viel weniger schlimm, als tot zu sein.“ (S. 73) 

 

Nur! Hab dich mal nicht so, sagt sich Katharina. Anderen geht’s schlechter. Andere verlieren ihr Leben. Du nur deinen Uterus, come on. Wie groß ist der eine Verlust im Vergleich zum anderen? Eine Frage, die immer wieder aufkommt. Doch was sie hier wahrscheinlich noch nicht sehen kann: Es ist doch nicht NUR der Verlust ihres Uterus. Es ist der Verlust ihres ganzen Lebens, das so anders vor ihr gelegen hatte. Der Verlust einer als völlig logisch eingeplanten Entwicklung ihres Lebens. Der Verlust von der Idee, wie sie selbst als Mama mal wäre. Der Verlust, die perfekte normale Frau zu sein, weil die das nun mal so machen, die normalen Frauen. Sie bekommen Kinder. Wenn sie all das hier wüsste, vielleicht würde sie ihren Verlust mehr als das anerkennen können, was er ist. Gewaltig. Schmerzhaft. Real. Valide. Da. 

 

Sonnenhang: Zwischen Trauer, neuer Aufgabe und Hoffnung

Stattdessen wirft sich Katharina in eine neue Aufgabe. Bewirbt sich in der Seniorenresidenz Sonnenhang. Und ich frage mich: Kann das Zufall sein? Oder will sie sich trotzdem kümmern können und gebraucht werden? Ist das der Ausweg? Whatever it is, mit dieser neuen Aufgabe macht Katharina eine neue Welt für sich auf. Und natürlich ist darin nicht alles nur heile. Aber doch neu und schön und etwas, was Katharina immer wichtiger wird. Hilft ihr das bei der Verarbeitung? Bestimmt. Und doch merkt sie auch, das reicht noch lange nicht aus, um zu heilen. Ihr Verlust bleibt. Nur ist der für die anderen so schlecht sichtbar und damit eigentlich für die meisten nicht existent. Wie schlimm, wenn er sich für einen selbst doch so übermäßig präsent anfühlt. Immer da, immer auf Abruf. Aber ohne dass man überhaupt rufen müsste. 

 

„Ganz heimlich hat sie sich aber gefragt, wer eigentlich mal auf sie Rücksicht nimmt. Als das Loch noch ganz offen und wund war, hatte sie sich manchmal gewünscht, es wäre sichtbarer, ein riesiges, klaffendes, rundes Loch in ihrem Bauch, durch das man hindurchsehen könnte, als sei sie ein Donut.“ (S. 94)

 

Katharina sucht ihre Vision. Ihre Zukunft. Und sich selbst. Fliegt dafür nach Teneriffa, weil dort ihr Ort des Ankommens ist. Doch beim Ankommen war kein Ankommen in Sicht. Sie hat das Verlorensein aus Berlin einfach mitgebracht. Wann auch immer sich dieser Schuft in ihren Koffer geschmuggelt hatte. 

 

„(...) sie hat wirklich an alles gedacht, nur sich hat sie vergessen, nicht mitgenommen, irgendwo liegt sie noch in Berlin herum und der Körper ist in den Urlaub gefahren, ohne sie, tja, was soll man machen und bis bald.“ (S. 129) 

 

Doch nach einiger Zeit erkennt sie, dass der Kampf gekämpft werden muss. Dass sie nicht drumherum kommt. Da geht es nicht darum, damit anzufangen. Nein! Sie muss das durchziehen. Die komplette Kampf-Nummer, von vorne bis hinten. Um die Hoffnung wiederzufinden „wie schöne seltene Muscheln am Strand.“ Und dann kommt sie zurück nach Berlin und dort wartet die Trauer schon am Gepäckband auf sie. Genauso im Sonnenhang. Und sie muss feststellen: Die anderen Orte, das Wegsein, das alles macht die Trauer nicht weg. Irgendwie ist sie ja doch auch an Orte geknüpft. Wie ein Geruch, der einen zurückkatapultiert in eine Situation, halten die Orte die Menschen fest.

 

Fazit: Sonnenhang macht unsichtbare Trauer sichtbar

Sonnenhang ist eines der Bücher, das die Trauer nicht versteckt. Ein Roman, in dem der Verlust schon am Anfang seinen großen Auftritt hat und die Trauer sich von Seite zu Seite bis zum Ende hangelt. Aber mit dem kleinen Happy End der Erkenntnis, dass Katharina sie zwar alleine tragen muss, aber dabei nicht allein ist.  

Irgendwie ein klassisches Happy End. Ohne eins zu sein. 

 

 

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Carolin Junge 

Caro ist ein kreatives Mastermind mit ganz viel Herz, das ganz besonders laut für Bücher schlägt. Da kommen mal locker 50 gelesene Bücher im Jahr zusammen – nur noch getoppt vom Stapel ungelesener Bücher, der einfach nicht aufhören will zu wachsen. Mit ihrem Unternehmen oh boy! und als Fachbuch-Autorin hat sie sich im Branding & Storytelling einen Namen gemacht. Als ausgebildete Trauerbegleiterin (VMN) hat sie außerdem das Büro Ciao gegründet, einen Creative Space in Sachen Trauer. Damit bringt sie frischen Wind und mehr Awareness in die staubtrockene Trauerkultur. Mit ganz neuen, kreativen Trauerprojekten holt sie das Tabu-Thema unter dem viel zu hohen Teppich hervor (Stay tuned!) und bringt Menschen dort mit Tod und Trauer in Berührung, wo es auf den ersten Blick "eigentlich gar nicht hingehört".

     

 

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