Caro liest laut: Dschinns von Fatma Aydemir

Caro liest laut: Dschinns von Fatma Aydemir

Das Buch: DSCHINNS von Fatma Aydemir 

Trauer-Topic: Tod des Vaters/Ehemanns, kulturelle Unterschiede in der Trauer, Generationen, Familie 

Trauer-Barometer: 4/5 

 

Ein Buch ĂĽber Trauer, Familie und Herkunft

Der Roman „Dschinns”* lässt uns gleich auf den ersten Seiten spüren, dass hier etwas aufbricht – in der Familie, in der Geschichte, vielleicht auch ein bisschen in mir. Fatma Aydemir führt uns mitten hinein in ein Geflecht aus Herkunft, Schweigen und unausgesprochenen Erwartungen, das erst durch den plötzlichen Tod des Vaters wirklich sichtbar wird. Es ist ein Buch über die Risse, die Trauer offenlegt, und über die Frage, wie man als Familie weiter existiert, wenn die alten Muster plötzlich nicht mehr tragen. 

Der Zeitpunkt könnte bitterer kaum sein: Hüseyin stirbt genau in dem Moment, als er endlich ankommen wollte. Eine Eigentumswohnung in Istanbul, ein bisschen Stolz auf das, was er sich all die Jahre in Deutschland erarbeitet hat, ein bisschen Ruhe. All das bleibt mit seinem plötzlichen Tod aus. Stattdessen füllt sich die Wohnung nun mit seiner Familie – die Jahrzehnte an unausgesprochenen Sätzen mitbringen, die endlich irgendwo hin müssen. 

 

Eine Familie trauert aus unterschiedlichen Perspektiven

In „Dschinns“ lässt Fatma Aydemir jede Figur ihre eigene Perspektive erzählen: Mutter Emine und die vier Kinder Ümit, Sevda, Peri und Hakan. Mit ihren unterschiedlichen Lebenswegen, Brüchen und Geheimnissen. Ein bisschen fühlt es sich an, als würden wir in einem Familienalbum blättern, dessen Seiten nicht chronologisch aufgebaut sind. Und mit dem einschneidenden Ereignis gleich zu Beginn des Buchs, dem Tod von Vater Hüseyin, ist schnell absehbar, dass wir hier mitten in den frischen Trauerprozess einer gesamten Familie hineinschauen werden. 

“Im Angesicht des Todes ist niemand stark genug, seine Fassade aufrechtzuerhalten. Es kommt zu Rissen, ob man will oder nicht. Und zwischen den Rissen offenbart sich das Grauen, diese narzisstische Angst davor, dass man selbst auch nur vergänglich ist.” (S. 167) 

 

Wenn Trauer alte Familienmuster aufbricht

Ich liebe an dem Buch, dass es mir Einblicke in das Leben einer türkischen Einwandererfamilie in Deutschland gibt. Ja, die Trauer ist darin zentral. Aber genauso erfahren wir, mit welchen Herausforderungen die Familie sich beschäftigen musste. Wie das Leben für sie spielte. Und allem voran steht immer das große Gebilde “Familie”. Wer ist jede*r Einzelne darin? Wie funktioniert man zusammen? Funktioniert man überhaupt zusammen? Oder tat und tut man nur so, weil man es eben musste? Wer hat sich diese Konstellation schließlich ausgesucht? 

In der Extremsituation des Verlustes und der Trauer muss hier auf einmal miteinander verhandelt werden. Wie geht jede*r Einzelne damit um? Gehen wir zusammen damit um? 

Der Tod reißt alte Muster auf, die jetzt nicht mehr aufgehen. Also müssen die Mutter und die vier Kinder plötzlich als Kollektiv funktionieren – obwohl sie das doch nie so richtig geübt haben. Mitten in einem Netz aus Schweigen, Stolz und Angst müssen sie lernen, Fehler oder Gefühle einzugestehen. 

“Es kostet ihn Überwindung, die Frage zu stellen, wie denn auch nicht, auch Peri und er sind Teil dieser Familie, die fortwährend spricht, ohne etwas preiszugeben. Es ist unüblich, dass man einander solche Fragen stellt, unangenehme Fragen, intime Fragen, wichtige Fragen, man weicht ihnen um jeden Preis aus, ganz intuitiv, wie einem Reh auf einer Schnellstraße, auch wenn man Gefahr läuft, sich dabei selbst zu verletzen.” (S. 192) 

Und diese stille Dissonanz, die kennen wir doch aus ganz vielen Familien. Wir reden ständig – aber wir sagen nichts. Soweit, so geübt. Doch wenn es plötzlich um existenzielle Themen wie Tod und Trauer geht, dann wirkt das Schutzschild, das wir uns da so sorgsam aufgebaut haben, besonders schmerzhaft. Denn wie soll man gemeinsam trauern, wenn man nicht einmal gemeinsam sprechen kann? So wird der Tod des Vaters zur einschneidenden Erfahrung, die alte Wunden freilegt.  

“Und nun, da Hüseyin plötzlich weg ist, sitzen sie hier, die, die er zurückgelassen hat mit seinem einzigen Vermächtnis. Dem Schweigen.” (S. 281) 

 

Trauer um den Menschen und um das, was nie gesagt wurde

Was mich ganz besonders an diesem Buch berührt, ist, dass die Trauer sich so umfassend zeigt. Da ist nicht nur die Trauer um den Vater. Es ist Trauer um all das, was nie gesagt wurde. Um das, was schon verloren ging, lange bevor Hüseyin starb. Oder vielleicht gar nicht verloren gehen konnte, weil es nie richtig existiert hat. Um Erwartungen, die man nicht erfüllt hat, und Hoffnungen, die niemand laut auszusprechen wagte. Und nicht zuletzt dieses Zwischengefühl der Identitäten, die irgendwo zwischen der Türkei und Deutschland feststecken.  

Das hier ist ein wichtiger Roman über Trauer. Über Herkunft. Über Familie. Und über all das, was wir uns verschweigen und was oft mehr kaputt macht, als die Worte, die wir uns entgegenwerfen. „Dschinns“ ist ein Buch, das uns die Risse zeigt. Und den Mut, den es braucht, endlich hineinzuschauen. 

 

 

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Carolin Junge 

Caro ist ein kreatives Mastermind mit ganz viel Herz, das ganz besonders laut für Bücher schlägt. Da kommen mal locker 50 gelesene Bücher im Jahr zusammen – nur noch getoppt vom Stapel ungelesener Bücher, der einfach nicht aufhören will zu wachsen. Mit ihrem Unternehmen oh boy! und als Fachbuch-Autorin hat sie sich im Branding & Storytelling einen Namen gemacht. Als ausgebildete Trauerbegleiterin (VMN) hat sie außerdem das Büro Ciao gegründet, einen Creative Space in Sachen Trauer. Damit bringt sie frischen Wind und mehr Awareness in die staubtrockene Trauerkultur. Mit ganz neuen, kreativen Trauerprojekten holt sie das Tabu-Thema unter dem viel zu hohen Teppich hervor (Stay tuned!) und bringt Menschen dort mit Tod und Trauer in Berührung, wo es auf den ersten Blick "eigentlich gar nicht hingehört".

     

 

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