Caro liest laut: Hinter dem Blau von Alexa von Heyden - Vergiss Mein Nie

Caro liest laut: Hinter dem Blau von Alexa von Heyden

Das Buch: Hinter dem Blau von Alexa von Heyden 

Trauer-Topic: Suizid, Verlust eines Elternteils 

Trauer-Barometer: 5/5 

Es gibt Bücher, bei denen ich schon nach den ersten Zeilen leise ahne, dass sie mir sehr nah kommen werden – und gerade deshalb lese ich weiter. „Hinter dem Blau” ist genau so ein Buch, mit einer Sogkraft, die sich kaum in Worte fassen lässt (Ich hab mir natürlich trotzdem größte Mühe gegeben, genau das für euch zu tun!). Zwischen Atemanhalten und Weiterblättern steckt eine herausfordernde, biografisch geprägte Geschichte über den Suizid eines Elternteils. 

 

Ein Buch, das man mit dem ganzen Körper liest

Wenn schon der Titel eines Buchs eine Schwere in sich trägt, die man nicht greifen kann, wie soll man das Erlebte in Worte fassen? Ich schreibe hier bewusst „das Erlebte", weil „Hinter dem Blau” eines dieser seltenen Bücher ist, bei dem mein ganzer Körper mitgelesen hat. Immer mal wieder denke ich an das Gelesene und empfinde meine körperlichen Reaktionen, in abgeschwächter Form, noch einmal nach. Ich gehe davon aus, beim Lesen normal ein- und ausgeatmet zu haben. Aber gefühlt habe ich von den ersten Seiten bis zum Ende den Atem angehalten. Ich erinnere mich, wie groß der Klumpen war, der sich in meinen Bauch gelegt hat und wie viel Spannung in dem maximal verkleinerten Raum zwischen meinen Schulterblättern steckte. Und ich weiß ganz genau: Dieses Buch habe ich nicht aus der Hand gelegt. Kein. Einziges. Mal. 

 

Der Suizid des Vaters: ZurĂĽck zum Anfang

Alexa von Heydens Buch „beruht auf (ihrer) Lebensgeschichte, enthält aber auch (viele) fiktionale Elemente”, so schreibt sie. Zum Einstieg lernt die junge Studentin Sunny einen Mann kennen, dessen guter Freund sich das Leben nimmt – der Auslöser dafür, dass sie sich zum Thema Suizid beliest und eine weitreichende Entscheidung trifft. 

 

„All diese Fakten haben mich umgehauen. Das müssen die Leute doch wissen, dachte ich und beschloss, meine Abschlussarbeit an der Uni über das Thema „Selbstmord” zu schreiben.” (S. 20) 

 

Denn die Entscheidung für dieses Thema bringt Sunny ihrer eigenen Vergangenheit näher. Ja, es ist eine Entscheidung für ihre eigene Geschichte. Denn wenn sie das macht, dann muss sie sich unweigerlich mit ihrer Geschichte beschäftigen, mit dem Suizid ihres Vaters.  

Und das tut sie. Gemeinsam mit ihr steigen wir ganz tief in ihre Geschichte ein. Angefangen bei dem Tag, von dem ihre Mutter, noch unbeschwert, sagte, es sei der schönste Tag des Jahres. 

 

„Der Himmel ist knallblau, so blau, dass die Farbe beinahe ins Lila kippt. Mein Vater nennt das „Himmellila”.” (S. 29) 

 

Es lässt sich erahnen, was aus diesem vermeintlich schönsten Tag wird. Das wird der Punkt sein, an dem es kein Zurück mehr gibt. Für die Protagonistin nicht. Für uns Leser*innen nicht. Im Gegensatz zu ihr haben wir die Wahl, jetzt noch aus der Geschichte auszusteigen. Wenn wir es nicht tun, dann begegnen wir mit Sunny gemeinsam dem Drachen im Keller – so beschreibt sie ihr kindliches Erleben vom Suizid ihres Vaters. 

 

Trauer, Schuld und Wut: Sunny beginnt, ihre Geschichte aufzuarbeiten 

Und die Abschlussarbeit holt all das hervor. Hiermit beginnt sie, ihre Geschichte aufzuarbeiten, Gefühle zu sortieren, es zu besprechen. Sie führt die lange weggeschobenen Gespräche mit ihrer Mutter, liest die Polizeiberichte, telefoniert mit alten Bekannten ihres Vaters und besucht die Orte der Vergangenheit. Bei alldem ist kein Schutzraum mehr für die aufkommenden Gefühle. Da mischen sich Schuldfragen mit Wut und Zorn, Unverständnis und das Bedürfnis zu Verstehen, Mitgefühl, Schmerz. Ganz eng begleitet von dem großen Tabu. Das Gefühl, damit alleine zu sein und auch bleiben zu müssen, die Erfahrung nicht teilen zu können, anders zu sein als die meisten anderen.  

 

„Man hört ja nicht auf, jemanden zu lieben, nur weil er tot ist. So eine einseitige Liebe kann unheimlich wehtun, deshalb war ich als Teenager so wütend. Es war wie permanenter Liebeskummer. ” (S. 173) 

 

Alexa von Heyden gibt in ihren autobiografischen Roman so viel. So so viel. Von sich. Ihrer Geschichte. Und ihren Emotionen. All das aufzuarbeiten und aufzuschreiben scheint mir wie ein Akt der Selbstermächtigung. Als würde sie rufen: Es ist ein Teil meiner Geschichte und ich werde mich davon befreien, dieses Versteckspiel weiter zu spielen. Ich befreie mich von der Namenlosigkeit, denn trotzdem gibt es mich. 

 

„Für Kinder wie meine Geschwister und mich gibt es keine Bezeichnung. Ich gab mir den Namen „Drachenkind” und dachte, ich sei ein Freak wegen dem, was damals passiert ist. Ich dachte, egal wem ich die Geschichte erzähle, jeder wird denken, dass mein Vater verrückt war. Und ich deshalb auch. ” (S. 41) 

 

Sie macht die Tür auf zum Erlebten. Das ist gewaltig. Schockierend. Viel zu oft kaum auszuhalten. Und dabei unverblümt und warmherzig im Ton. 

Und ich? Ich bin dankbar dafür, dass sie so mutig war. Dass sie mir die Möglichkeit gegeben hat, mich mit Erlebtem auseinanderzusetzen, das meinem eigenen fern ist.Dass sie mir das erlaubt hat.  

Es ist ganz und gar nicht einfach, dieses Buch zu lesen. Es ist ganz und gar nicht einfach, dieses Buch wieder zur Seite zu legen. Und es ist ganz und gar nicht möglich, dieses Buch jemals wieder zu vergessen. 

 

 

*Transparenz-Hinweis: Der Link mit dem Sternchen ist ein Affiliate-Link. Wenn du darüber etwas kaufst, unterstützt du unsere Arbeit ein kleines Stück – ohne Mehrkosten für dich. Danke dafür.

 

Weitere Buchempfehlungen: 

Caro liest laut: KURT von Sarah Kuttner

Caro liest laut: The Comfort Book von Matt Haig

Caro liest laut: 22 Bahnen & Windstärke 17 von Caroline Wahl

Caro liest laut: Bye. Wie sprechen von Tod, Abschied und dem, was bleibt

 

 

       

Carolin Junge 

Caro ist ein kreatives Mastermind mit ganz viel Herz, das ganz besonders laut für Bücher schlägt. Da kommen mal locker 50 gelesene Bücher im Jahr zusammen – nur noch getoppt vom Stapel ungelesener Bücher, der einfach nicht aufhören will zu wachsen. Mit ihrem Unternehmen oh boy! und als Fachbuch-Autorin hat sie sich im Branding & Storytelling einen Namen gemacht. Als ausgebildete Trauerbegleiterin (VMN) hat sie außerdem das Büro Ciao gegründet, einen Creative Space in Sachen Trauer. Damit bringt sie frischen Wind und mehr Awareness in die staubtrockene Trauerkultur. Mit ganz neuen, kreativen Trauerprojekten holt sie das Tabu-Thema unter dem viel zu hohen Teppich hervor (Stay tuned!) und bringt Menschen dort mit Tod und Trauer in Berührung, wo es auf den ersten Blick "eigentlich gar nicht hingehört".

     

 

Einen Kommentar hinterlassen

Bitte beachte, dass Kommentare genehmigt werden müssen, bevor sie veröffentlicht werden.

Diese Website ist durch hCaptcha geschützt und es gelten die allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen von hCaptcha.