Caro liest laut: Endlosschleifentage von Fabian Neidhart

Caro liest laut: Endlosschleifentage von Fabian Neidhart

Das Buch: Endlosschleifentage von Fabian Neidhart 

Trauer-Topic: Verlust der Ehefrau, Verlust der besten Freundin, Neuanfänge

Trauer-Barometer: 4/5

 

In  Endlosschleifentage* verliert ein junger Mann seine Ehefrau und behält seine und ihre beste Freundin an seiner Seite. Doch was nach kraftvoller Unterstützung klingt, ruft auch Schwierigkeiten auf den Plan. Nah beieinander versuchen beide, durch stürmische Trauerfluten zu navigieren. Und müssen feststellen: Trauer lässt sich nicht zuverlässig durch zwei teilen und manchmal können zwei eben nicht in einem Boot sitzen bleiben, wenn es sie in unterschiedliche Richtungen zieht. 

Auf der ersten Seite stehen wir mit einem Bein neben David am Grab seiner Frau und können uns schon denken: Die anstehende Lektüre wird uns emotional nicht schonen. Und ja, auf den weiteren Seiten bestätigt sich, dass Autor Fabian Neidhardt uns gnadenlos in diese Geschichte mit reinziehen wird. Dass wir das bauchige Fass voller Empfindungen, das er hier aufgemacht hat, bis Seite 308 in vollem Umfang ergründet haben werden – vom Grab mitten hinein. 

„(...) aber er kann nicht weg, muss vor diesem Loch stehen bleiben, mit gebührendem Abstand, wie bei einem Bahngleis. Obwohl er eigentlich weiß, dass dieser Zug schon lange abgefahren ist.” (S. 7) 

 

Trauer von Anfang an: Warum der Beerdigungsauftakt so intensiv wirkt

Mit der Beerdigung in eine Geschichte einsteigen, das ist mir recht neu, fällt mir auf. In vielen Büchern, in denen mir die Trauer begegnet ist, haben das Ereignis selbst, der große Schock und auch die Beerdigung meist gar nicht so viel Raum eingenommen. Die waren meist nur der Auftakt, aber selten habe ich mich so intensiv beteiligt gefühlt. Vielmehr war dieser Teil sonst immer das, was erzählt werden muss, damit die Geschichte danach starten kann. Und klar, auch hier wird sich natürlich nicht alles um die Beerdigung drehen – wenn auch der Friedhof ein zentraler Schauplatz bleibt. Aber Fabian Neidhardt weiß, wie man diesem Ereignis eine so einprägsame Intensität verleiht, dass ich denke, ich hätte selten in einem Buch so schnell so tief so viel Anteil gehabt, an dem, was gerade erst beginnt. 

 

Hauptfigur David: Der junge Witwer zwischen Schock und Realität

David, ein noch junger Mann, steht also am Grab von Katha, seiner jungen Ehefrau, und muss sich mit diesem frisch ausgehobenen Loch auseinandersetzen. Mit dem Grab. Mit der Lücke, die sich plötzlich zwischen ihn und seinen Alltag geschoben hat. Wir wissen noch nicht viel von seiner, von ihrer Geschichte. Aber was wir schnell bemerken, ist: mit dem Realisieren hat er noch gar nicht begonnen. Was da passiert ist, das will sich nun langsam anfangen aufzudrängen. 

,Das ist meine Frau.’ Und irgendwas in ihm bekommt Risse. Weil er seit dem Anruf der Polizei vor einer Woche die Realität angehalten und die Wahrheit nicht an sich rangelassen hat. Weggetreten, nur mit Hilfe von Kinga Entscheidungen getroffen, genickt oder den Kopf geschüttelt und viel zu oft mit den Schultern gezuckt. Und nichts ausgesprochen. Weil was sich reimt, vielleicht gut ist, aber was man ausspricht, wahr.” (S. 11) 

 

Perspektivwechsel als Stilmittel: So wird Trauer greifbar

Noch intensiver wird die ganze Szenerie für uns, als sie plötzlich aus einer anderen Perspektive erzählt wird. Da wo eben noch David, der junge Witwer, selbst berichtet hat, geht nun die Erzählung auf jemand anderen über. Wir erfahren, wie David auf eine Betrachterin von außen wirkt – ein

“Kerl, der seine Frau verloren hat. (...) Sein dunkler Blick starr auf das quietschende Rad gerichtet, die braunen Haare ein wenig zu lang, das Gesicht schockgefroren. Noch hat er die Wahrheit nicht an sich hereingelassen.” (S. 12)

 – was die ganze Situation nur umso greifbarer macht. 

 

Kinga als zentrale Figur: Beste Freundin, Mittrauernde, Spiegel

Mit ihm macht auch Kinga an Julias Grab ihren Auftritt. Wie sich später herausstellt, ist sie die beste Freundin von Katha. Und auch die beste Freundin von David. Ihre Verbindungen spielen eine zentrale Rolle im Buch – denn nach dem Autounfall, bei dem Katha tödlich verunglückt ist, wohnt Kinga für einige Zeit bei David, wo sie gemeinsam von der Trauer überwältigt und lahmgelegt werden. Für Kinga gilt das im wahrsten Sinne des Wortes: Sie ist mit Krücken ans Sofa gefesselt. Währenddessen ist David in der Lage, sich frei zu bewegen, nach einiger Zeit zur Arbeit zu gehen und zu versuchen, sich im Leben zurechtzufinden. Und da spiegelt sich in ihrer Bewegungsfähigkeit, was auch im echten Leben immer wieder passiert. Das Tempo der Trauer ist unterschiedlich. Warum kann der eine Schritte machen, wenn die andere fast bewegungsunfähig ist, nach all dem, was passiert ist? David steht für den Fortschritt im Trauerprozess, nicht geradlinig und ohne Rückschritte, aber einem Blick, der das Weite sucht. Kinga bleibt dort wo sie ist und kann sowohl körperlich als auch mental noch lange nicht dort weg, wo der Verlust sie abgeladen hat. 

 

„Er sieht sie besorgt an und bringt einen Rest kühler Luft von draußen mit. Er riecht nach Frühling, seine Wangen sind rot. Und ist das unter seiner besorgten Miene ein Lächeln? Kinga weiß nicht, was schlimmer ist, sein Mitleid oder das Gefühl, dass David schon fast greifbar gute Laune hat.” (S. 125) 

 

So passiert das, was gar nicht so selten ist: Ihre Trauerwege verlaufen – im wahrsten Sinne des Wortes, denn eine von beiden kann ja nicht laufen – unterschiedlich.  

 

Neuanfang und Konflikt: Wenn das Leben nicht warten will

Als eine neue Frau, für Kingas Geschmack viel zu aufdringlich und schnell, in Davids Leben tritt, haben beide damit zu kämpfen. Natürlich rütteln die Gefühle für seine Frau und auch die Konventionen an Davids Gewissen – insbesondere wenn sich die Begegnungen gleichzeitig nach “endlich wieder atmen” anfühlen. Natürlich ist da Irritation. Aber auch ein zögerliches Einlassen, das kleine Blicke aus dem Schmerz heraus möglich macht.  

So gut sie sich auch immer verstehen und greifen konnten, so schwer haben Kinga und David es plötzlich, ihre verschiedenen Wege zu akzeptieren oder gar zu verstehen. Frust und Trauer können sich manchmal nur gegen den anderen richten – denn wohin sonst soll das denn bitte alles? 

„Sie hat es satt hier zu liegen, im Sud ihrer Gedanken und der Erinnerungen, will am liebsten zurück in ihren vierten Stock, in ihr Leben, in dem sie das Chaos anderer beseitigen kann, aber dann sitzt sie wieder mit Katha im Auto. Kinga schlägt mit der flachen Hand auf das Sofa, reißt sich aus Davids Blick und kriecht so weit nach hinten, wie das Sofa es zulässt. ‘Ich will nichts anderes sehen! Ich will mich nicht ablenken, ich muss da durch! Katha hat es nicht verdient, dass ich sie verdränge.’” (S. 125f.) 

Und auch wenn David und Kinga schon immer, noch vor Katha, eine Einheit waren, müssen sie mit der Zeit einsehen, dass sie beide ihren eigenen Weg finden müssen. Ein Leben ohne Katha, wie kann das aussehen? Darauf finden sie Schritt für Schritt beide ihre Antworten. Wenngleich es bei Kinga deutlich langsamer vonstatten geht. Aber ist das nicht völlig logisch mit Krücken? 

 

 

Hier findest du "Trauer ist das Glück, geliebt zu haben" von Chimamanda Ngozi Adichie bei Thalia.*

 

 

 

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Carolin Junge 

Caro ist ein kreatives Mastermind mit ganz viel Herz, das ganz besonders laut für Bücher schlägt. Da kommen mal locker 50 gelesene Bücher im Jahr zusammen – nur noch getoppt vom Stapel ungelesener Bücher, der einfach nicht aufhören will zu wachsen. Mit ihrem Unternehmen oh boy! und als Fachbuch-Autorin hat sie sich im Branding & Storytelling einen Namen gemacht. Als ausgebildete Trauerbegleiterin (VMN) hat sie außerdem das Büro Ciao gegründet, einen Creative Space in Sachen Trauer. Damit bringt sie frischen Wind und mehr Awareness in die staubtrockene Trauerkultur. Mit ganz neuen, kreativen Trauerprojekten holt sie das Tabu-Thema unter dem viel zu hohen Teppich hervor (Stay tuned!) und bringt Menschen dort mit Tod und Trauer in Berührung, wo es auf den ersten Blick "eigentlich gar nicht hingehört".

     

 

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