Caro liest laut: Die Schuhe meines Vaters von Andreas Schäfer

Caro liest laut: Die Schuhe meines Vaters von Andreas Schäfer

Das Buch: Die Schuhe meines Vaters von Andreas Schäfer

Trauer-Topic: Tod des Vaters, Entscheidung über lebenserhaltende Maßnahmen, Aufarbeitung der Elternbiografie 

Trauer-Barometer: 3/5 

 

Andreas Schäfer empfindet den Lebensweg seines Vaters nach und schlüpft dafür in dessen Schuhe. Er begibt sich auf die Route des Vaters, wandert auf seinen Pfaden. Dabei nimmt er feinfühlig war, welche Bedeutsamkeit im – gemeinsam und einzeln – Erlebten für ihn steckt. Ein Autor, der keine Angst hat, die Trauer bei all ihren verschiedenen Namen zu nennen. Ein Buch, in dem der Tod ein ebenso verbindendes Element zwischen Vater und Sohn ist, wie das Leben. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. 

 

“An einem regnerischen Sonntagnachmittag verlor ich das Gesicht meines Vaters.” (S. 7)  

 

Andreas Schäfer: Ein Buch über den Verlust des Vaters und die Trauer

So beginnt Andreas Schäfer "Die Schuhe meines Vaters"*. Der erste Satz eines Buches, das ist eine große Sache. Denn wenn dieser Auftakt eine Empfindung hervorruft – Verstehen, Mitgefühl, Erschrecken, whatever it might be – dann hat er dich. Dann bist du drin. Ich verbinde mich mit Andreas Schäfer in diesem allerersten Satz. Denn ich kenne diese Empfindung. Selbst. Und von vielen Trauernden.  

Andreas Schäfers Vater ist an Krebs erkrankt, ein zweites Mal. Doch dieses Mal soll es das letzte sein. Er verbringt noch einmal Zeit mit seinem Sohn, bevor er am Tag der Biopsie eine Hirnblutung erleidet und ins künstliche Koma versetzt werden muss. Es bleibt nicht mehr als die Entscheidung, wann die Maschinen abgestellt werden sollen. Und das was danach kommt.

 

“Und doch scheint seit damals nichts vergangen, geht es nur und immer wieder um diesen Moment und die Unerschöpflichkeit dessen, was er immer in sich tragen wird: Jetzt ist es also so weit.” (S. 19)  

 

Den Vater durch Erinnerungen neu kennenlernen

Hier, genau wie schon im ersten Satz und über das gesamte Buch hinweg, gelingt Andreas Schäfer etwas Seltenes. Er schafft es, die Unbegreiflichkeit der Trauer bei sich selbst (!) aufzufinden und feinfühlig zur Sprache zu bringen. Als hätte er ganz lange nach diesen Themen gesucht, um sie dann behutsam in sein schönstes Geschenkpapier aus Worten zu verpacken. 

Warum mich das so begeistert? Weil genau das oftmals der Grund ist, wehsalb Menschen Trauerbegleitung in Anspruch nehmen. Weil es, verständlicherweise, so wahnsinnig schwer ist, die eigenen Themen zwischen all diesen diffusen Gefühlen aufzufinden. Oder wenn sie sich zu erkennen gegeben haben, einen Ausdruck dafür zu finden.  

Dafür nutzen die einen Stift und Papier, die anderen verformen Knete bis zur Unkenntlichkeit. Bei Andreas Schäfer ist es Sprache, mit der er es schafft, seine Trauerthemen zu betrachtbaren Gestalten zu formen. 

Er spricht von dieser dicken Mauer des Verlustmoments, an der er sich immer wieder den Kopf stößt und die viel zu hoch erscheint, sie jemals überwinden zu können. Von dem Gefühl, dass er stillsteht, und der Rest der Welt weiterzieht (S.20). Von dem erschütternden Empfinden zwischen dem Magischen und der Realität, das so viele Trauernde bewegt (S. 29). Von dem Empfinden eines Kindes, das über das Leben des Vaters entscheiden soll: 

 

“Entscheiden, wann die Maschinen abgestellt werden, also demjenigen, dem man das Dasein verdankt, das seine nehmen – das widersprach den Gesetzen.” (S. 39)  

 

Damit schafft Andreas Schäfer uns ein Buch, in dem wir das Suchen und Finden des “Worum geht es hier eigentlich gerade?” wunderbar begleiten können. Er ist so präzise dabei, seinen eigenen Umgang mit dem Verlust des Vaters zu beobachten, die Leerstellen nachzuempfinden,  die Empfindungen, die vor, während und nach der Beatmungsmaschine ihren Auftritt haben, dass man stellenweise nicht glauben möchte, er schreibt über sich selbst.

Jede weitere Seite, die ich umschlage, arbeitet der Autor aber nicht nur seine Trauer, sondern auch das Leben und Wirken seines Vaters, sein Vater-Bild auf.  

 

“Sein nervöses, flatterndes Herz, das schnelle Außer-sich-Geraten – bis heute besteht in meinem Vater-Bild ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem in Flammen stehenden Haus und seiner eigenen, jeden Moment möglichen Entflammbarkeit.” (S. 97)  

 

Auf den Spuren des Vaters: Eine Suche ohne klare Antworten

Es beherbergt viele Stücke der Erinnerung und der Erkennntnis, die ihm nun zum Zusammensetzen und Verstehen bleiben. Für eine vollständige Erzählung der Geschichte müssen aber nicht nur die, sondern auch die Vater-Pfade hier rein. Diese biografischen Passagen empfinde ich stellenweise als lang. Gleichzeitig verstehe ich, dass es hier keine Abkürzung gibt. Diese Pfade, die führen uns ja wohin. Und kurz vor dem Ende, da bekräftigt Schäfer es selbst noch einmal. 

 

 „Ich hatte das Bedürfnis, Wege des Vaters in seinem Namen zu gehen, (…) ich hatte keine drängenden Fragen, deren Klärung ich mir erhoffte; ich wollte mich nur auf seine Spur begeben.“ (S. 165) 

 

So gehen wir diesen Weg mit ihm. Bis kurz vor dem Ende doch noch diese eine Frage auftaucht, die vielleicht niemals so gar nicht existieren konnte: 

 

 „Hätte ich meinen Vater retten können, wenn ich ihn damals zum Eingriff in die Frankfuter Uniklinik begleitet hätte? Plötzlich war die lange vergessene Frage des Anfangs wieder da.“ (S. 178) 

 

Was bleibt, wenn wir mit der Trauer weitergehen?

Am Ende bleibt dieses Buch wie ein leiser Abdruck im eigenen Inneren zurück – nicht laut, aber unverrückbar. Vielleicht, weil Andreas Schäfer uns eben nicht aufzeigt, wie man Trauer bewältigt, sondern wie sie in einem wohnt. Und vielleicht auch, weil uns auf seinen Wegen manche Abzweigungen oder Stopps so bekannt vorkommen. 

 

 

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Carolin Junge 

Caro ist ein kreatives Mastermind mit ganz viel Herz, das ganz besonders laut für Bücher schlägt. Da kommen mal locker 50 gelesene Bücher im Jahr zusammen – nur noch getoppt vom Stapel ungelesener Bücher, der einfach nicht aufhören will zu wachsen. Mit ihrem Unternehmen oh boy! und als Fachbuch-Autorin hat sie sich im Branding & Storytelling einen Namen gemacht. Als ausgebildete Trauerbegleiterin (VMN) hat sie außerdem das Büro Ciao gegründet, einen Creative Space in Sachen Trauer. Damit bringt sie frischen Wind und mehr Awareness in die staubtrockene Trauerkultur. Mit ganz neuen, kreativen Trauerprojekten holt sie das Tabu-Thema unter dem viel zu hohen Teppich hervor (Stay tuned!) und bringt Menschen dort mit Tod und Trauer in Berührung, wo es auf den ersten Blick "eigentlich gar nicht hingehört".

     

 

 

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