Das Buch: Anleitung zum Traurigsein von Berni Mayer
Trauer-Topic: Tod des Kindes, TrennungÂ
Trauer-Barometer: 4/5Â
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Das Buch, in dem Berni Mayer seine Erfahrung mit dem Verlust seiner vierjährigen Tochter festhält, kündigt uns eine Anleitung zum Traurigsein an. Doch eigentlich ist es gar keine. Denn vieles ist möglich beim Traurigsein – an die Hand nehmen, stumm oder geschwätzig nebenher laufen, Erfahrungen teilen, da sein, die Ohren spitzen – aber eine Anleitung? I don’t know. Ich würde sagen, wenn man mal über den Titel hinweg gelesen hat, hält dieses Buch tiefgehende Einblicke aus der vordersten Reihe der erlebten Trauer bereit.
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Keine Anleitung – sondern ein ehrlicher Blick in die Trauer
„DafĂĽr braucht man doch keine Anleitung. 🙂” lese ich in meinen Insta DMs, als ich eine Story mit diesem Buch teile. Und ich gebe zu, auch mich hat der Titel irritiert. Vielleicht ist er nur eine catchy Hook. Jedenfalls regte sich in mir etwas Widerstand. Ich will ja hier keinen PAX-Schrank aufbauen oder Origami-Kraniche falten. In diesen beiden Fällen bin ich nämlich ein groĂźer Fan von Anleitungen – Schritt fĂĽr Schritt bis zum Ergebnis. Aber zum Traurigsein? Ich wĂĽsste nicht, wie das aussehen sollte. Und damit hat Berni Mayer mich. Ich muss herausfinden, was es damit auf sich hat.Â
Tja, surprise! Zwischen den Buchdeckeln finden sich weder Schrauben noch DĂĽbel. Genauso wenig kommen die Seiten mit Lebensweisheiten daher, die sich gut auf pastelligen Pinterest-Bildern machen wĂĽrden, oder gar mit To-do-Listen. Vielmehr findet sich darin ein ganz und gar persönlicher Bericht ĂĽber eine einschneidende Verlusterfahrung. Berni Mayer erzählt uns offen und verletzlich von dem Verlust seiner vierjährigen Tochter Olivia, die an einem Gehirntumor stirbt, von dem allumfassenden Schmerz, von der folgenden Trennung, von seinen Wegen durch das Trauerdickicht.Â
„Es ist womöglich eine andere Art von Trauerarbeit als die, die viele Kolleginnen und Kollegen in der Trauerliteratur beschreiben, denn sie stellt keine Theorien auf und gibt keine allgemeingĂĽltigen Tipps. Sie resultiert aus meiner persönlichen Biografie und meinen individuellen BedĂĽrfnissen, sie zeigt, was mir geholfen hat, und versucht zu ergrĂĽnden, warum.” (S. 18)Â
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Suchen, finden, verwerfen – Trauer als fortlaufender Prozess
Was Berni Mayer im Buch zu erzählen hat, ist umfassend. Er ist der Trauer begegnet, in einer furchteinflößenden Form. Seine Tochter stirbt und ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich in diesem Zustand zurechtzufinden. Und das tut er. Er sucht. Er findet. Probiert. Verwirft. Hinterfragt. Sucht. Sucht weiter. Macht weiter. Er erarbeitet sich Stück für Stück seine eigenen Erkenntnisse zum Trauern und Traurigsein – und entscheidet sich dafür, diese Erfahrungen, die Suche nach Auswegen, den Punkt, an dem die Trauer der einzige Punkt der eigenen Existenz zu sein scheint, mit uns zu teilen.
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„Präzise trauern“ – ein ungewohnter, starker Gedanke
Da ist zum Beispiel dieser Hinweis seiner Therapeutin, der ihn von da an begleitet. „Schauen Sie sich Ihre Baustellen an. Entwirren Sie Ihre Trauer. Finden Sie die einzelnen Ursachen.”, sagt sie ihm. Und das gefällt mir gut. Weil das nur selten zur Sprache kommt. Gibt es noch Emotionen, die gänzlich von der Verlusterfahrung abzutrennen sind, die Spannungen erzeugen, ohne sich „Achtung, Trauer!” auf die Stirn zu schreiben? Wenn ja, welche sind das? Wo fangen sie an, wo hören sie auf?Â
„Kann ich lernen, präziser zu trauern? Denn es passiert häufig, dass ich depressive Stimmungen oder ĂĽberempfindliches Verhalten auf Olivias Krankheit und Tod schiebe, fast so, als könnte ich damit die Verantwortung abgeben.” (S. 63)Â
Ich finde die Idee vom präzisen Trauern wahnsinnig spannend. Noch nie ist sie mir in all der Trauerliteratur ĂĽber den Weg gelaufen. Und allein fĂĽr diesen Gedanken hätte sich das Buch fĂĽr mich gelohnt. Und ich werde wohl noch eine ganze Weile darauf herumdenken. Kann das wirklich gehen? Wenn ja, wie? Ist es möglich, sich selbst so präzise zu analysieren und zu erfahren, dass dieses „Baustellen-Prinzip” gelingen kann? Â
Ich weiĂź es nicht. Â
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Eine andere Perspektive auf das Traurigsein
Was ich aber weiĂź: Ich halte es fĂĽr eine unglaublich starke Methodik, den Versuch zumindest zu unternehmen. Auch um zu erkennen, dass Trauer zwar ĂĽbergreifend präsent sein, aber dennoch nicht den alleinigen Zugriff auf jeden GefĂĽhlszustand beanspruchen kann. Auch wenn es sich anders anfĂĽhlt. Ist diese Erkenntnis nicht auch tröstlich? Ganz egal am Ende, ob man zu 100% präzise zuordnen kann oder zu 20%. Der Versuch macht die Erkenntnis.Â
„Allmählich fange ich an zu verstehen, wo meine Trauer bereits vorhandene negative Emotionen verstärkt und beschleunigt und womit sie vielleicht gar nichts zu tun hat.” (S. 63)Â
Also nein, „eine Art Blaupause fĂĽrs Trauern”, wie der Klappentext es ankĂĽndigt, ist das Buch fĂĽr mich ĂĽberhaupt nicht. Bestimmt ist auch das Papier, auf dem sich die Trauer durchdrĂĽckt, lichtempfindlich. Aber als metaphorische Schablone fĂĽr die Trauer sehe ich „Anleitung zum Traurigsein” nicht. Eine Inspirationsquelle, ein berĂĽhrender Bericht und ein empfehlenswertes Buch ist es aber allemal.Â
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Carolin JungeÂ
Caro ist ein kreatives Mastermind mit ganz viel Herz, das ganz besonders laut für Bücher schlägt. Da kommen mal locker 50 gelesene Bücher im Jahr zusammen – nur noch getoppt vom Stapel ungelesener Bücher, der einfach nicht aufhören will zu wachsen. Mit ihrem Unternehmen oh boy! und als Fachbuch-Autorin hat sie sich im Branding & Storytelling einen Namen gemacht. Als ausgebildete Trauerbegleiterin (VMN) hat sie außerdem das Büro Ciao gegründet, einen Creative Space in Sachen Trauer. Damit bringt sie frischen Wind und mehr Awareness in die staubtrockene Trauerkultur. Mit ganz neuen, kreativen Trauerprojekten holt sie das Tabu-Thema unter dem viel zu hohen Teppich hervor (Stay tuned!) und bringt Menschen dort mit Tod und Trauer in Berührung, wo es auf den ersten Blick "eigentlich gar nicht hingehört".    |


