Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag: Stille Gedenktage und ihre Bedeutung heute

Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag: Stille Gedenktage und ihre Bedeutung heute

Auf der Welt gibt es zahlreiche öffentliche und stille Gedenktage, an denen Verstorbene kollektiv betrauert und erinnert werden. Jährlich wiederkehrende Daten, an denen viele Menschen gemeinsam oder auch ganz für sich kirchliche Traditionen und überkonfessionelle Rituale begehen, geben dem Vermissen und Integrieren von Verstorbenen einen festen Rahmen; anders als Feiertage, die nicht im Zeichen des Gedenkens stehen und Verluste schmerzlich in Erinnerung rufen.

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Die Erinnerung an die Toten spielt in allen Kulturen eine große Rolle. Bei uns in Deutschland werden vor allem die christlichen Gedenktage  Allerseelen, der Toten-, bzw. Ewigkeitssonntag sowie der politisch geprägte staatliche Volkstrauertag zelebriert. Obwohl sie in den meisten Regionen nicht als gesetzliche Feiertage , sondern stille Gedenktage gelten, herrscht an ihnen zu bestimmten Uhrzeiten Tanzverbot. 

Dass sie alle im melancholischen November stattfinden, hat tatsächlich nichts mit der spätherbstlichen Ruhe zu tun. Ihre Entstehungsursprünge sind ganz unterschiedlich und hängen eher mit den Entscheidungen historischer Persönlichkeiten zusammen. Da ihre Traditionen aber teilweise viele  Jahrhunderte alt sind, wird der November von einigen auch Totenmonat, Trauermonat oder Seelenmonat genannt. 


Was wird an Allerseelen zelebriert?

Am 2. November begehen gläubige Katholik*innen seit dem Frühmittelalter Allerseelen, nicht zu verwechseln mit Allerheiligen, dem Hochfest zu Ehren aller heiligen Instanzen und Märtyrer, einen Tag vorher. Allerseelen gilt offiziell als Tag des Gedenkens an alle verstorbenen Gläubigen. Es ist eng mit der christlichen Überzeugung an Christi Auferstehung, die Reinigung durch das Fegefeuer und den Tod als Beginn des ewigen Lebens verbunden. 


Wie ist Allerseelen entstanden?

Ins Leben gerufen wurde der Gedenktag zwischen 998 und 1030 von dem einflussreichen Abt Odilo von Cluny, der sich in Abgrenzung zur Kirchenpolitik seiner Vorgänger und einem materiell recht verschwenderischen Gedenkkult, auch für arme Gläubige und deren Seelen post mortem einsetzen wollte. Odilo wählte den 2. November in Bezug zu Allerheiligen, das vermutlich auf keltische Riten zurückgeht. 

Allerseelen erinnert seit jeher daran, dass die Kirche nicht nur eine Gemeinde der Lebenden ist, sondern alle Gläubigen bis über den Tod hinaus vereint. Durch Gebete und Bräuche sollen die Seelen, die nicht direkt in den Himmel und zu den Heiligen aufsteigen können und demnach noch im Fegefeuer verweilen müssen, unterstützt werden. 


Wie wird Allerseelen begangen?

Bis heute beten gläubige Katholik*innen bei Requiem-Messen für die strauchelnden Seelen der Verstorbenen, sprechen Fürbitten für sie, geben Almosen und pflegen weitere Bräuche. Dazu gehören in erster Linie Friedhofsbesuche und Grabpflege mit Kerzen, Weihwasser und Grabschmuck, aber auch der sogenannte Allerseelen-Ablass mit Beichte und Kommunion, der die Zeit der Seelen im Fegefeuer verkürzen soll. Im Zeichen der Nächstenliebe für Bedürftige wird Seelengebäck aus Hefe zubereitet und gereicht. Zahlreiche katholische Gotteshäuser, aber auch Friedhofskapellen und andere Veranstaltungsorte bieten zu Allerseelen ihr Programm an. 


In welcher Tradition steht der Totensonntag? 

Der Toten- oder Ewigkeitssonntag ist ebenfalls ein christlicher, allerdings protestantischer Gedenktag. Vor 210 Jahren entstand er aus einer protestantischen Tradition, als König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ihn am 17. 11.1816 als  „allgemeines Kirchenfest zur Erinnerung an die Verstorbenen“ einführte. Auslöser dafür waren die Befreiungskriege zwischen 1813 und 1815 mit ihren zahllosen Gefallenen und die persönliche Trauer des Königs um seine verstorbene Ehefrau Luise. 


Welche Traditionen werden am Totensonntag gepflegt?

In Wilhelms Tradition wird der Totensonntag auch heute noch an jedem letzten Sonntag vor dem ersten Advent begangen und schließt damit das evangelische Kirchenjahr ab. Gotteshäuser und Gemeinden warten zum Totensonntag mit einer großen Gestaltungspalette auf, an der nicht nur Gläubige partizipieren dürfen. Ähnlich wie an Allerseelen werden Kirchen und Friedhöfe besucht. Besonders berühmt ist aber das Verlesen der Namen aller im jeweiligen Jahr verstorbenen Gemeindemitglieder in der Kirche. 


Wofür steht der Volkstrauertag? 

Als jüngster Totengedenktag, der einen politischen Hintergrund hat, liegt der staatliche Volkstrauertag, der in ganz Deutschland begangen wird zwischen den beiden christlichen Gedenktagen. Am zweiten Sonntag vor dem ersten Advent werden bundesweit alle Opfer von Krieg und allen Formen von Gewalt weltweit erinnert.  


Warum wurde der Volkstrauertag etabliert?

Der Volkstrauertag hat seinen Ursprung im am 5. März 1922 und fand dort zum ersten Mal auf Initiative des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge (kurz: Volksbund) in Gedenken an die Gefallenen der Ersten Weltkrieges statt. Nachdem er in der  NS-Zeit eine problematische Umdeutung zum Heldengedenktag erfuhr, knüpfte der Volksbund nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an dessen ursprünglichen Charakter an und gestaltete ihn 1950 unter Einbeziehung Glaubensgemeinschaften erstmals wieder als traditionellen Gedenktag. Als Reaktion darauf schuf die DDR ein alternatives antifaschistisches Modell. Erst mit der Wiedervereinigung 1990 fusionierten beide Erinnerungskulturen zu dem heutigen staatlichen Volkstrauertag. 


Wie wird der Volkstrauertag gestaltet?

Die wichtigste zeremonielle Veranstaltung am Volkstrauertag bildet jährlich die zentrale Rede des Bundespräsidenten im Bundestag, mit typischer musikalischer Begleitung und einem Aufgebot der Bundeswehr. Deutschlandweit finden wie an den anderen Gedenktagen öffentliche Veranstaltungen in Kirchen und auf Friedhöfen statt. Zentrale Bestandteile sind Kranzniederlegungen an Mahnmalen und Kriegsdenkmälern, sowie Lesungen von Totenlisten und Konzerte. Alle Flaggen wehen am Volkstrauertag auf Halbmast. 


Wie kann man Totengedenktage fĂĽr individuelles Gedenken nutzen?

Alle drei Totengedenktage dürfen natürlich absolut frei, fernab von christlichen oder politischen Einflüssen zelebriert werden, indem du dir deine eigenen Trauerrituale überlegst.  Als festverankerter Anlass können sie uns aber gerade dann, wenn du dich in im Trauermonat einsam und orientierungslos fühlst. Auch in Anbetracht der von Multikrisen erschütterten Weltlage können feste Daten im Kalender bei Zukunftsängsten Halt geben.  

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Man muss nicht an Gott glauben, regelmäßig in die Kirche gehen oder sich mit dem schweren Thema Krieg verbinden, um Trauer aktiv zu gestalten und sich mit dem Tod auseinanderzusetzen.

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Autorin: Chiara Lemburg-Augenreich

Chiara beschäftigt sich mit den großen und kleinen Fragen rund um Verlust, Trauer, Tod und Verarbeitung. Als Literaturwissenschaftlerin weiß sie, wo die fundiertesten und spannendsten Antworten zu finden sind und verbindet wissenschaftliche Recherchen mit ihrer ganz persönlichen Stimme. Ihre Texte für das Vergiss Mein Nie Magazin öffnen Denkräume und zeigen, dass das Ende des Lebens viele Geschichten erzählt. Und diese können manchmal nicht nur traurig, sondern auch unerwartet faszinierend sein.        

     

 

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